Einführung in die Theoretische Philosophie

Woher kommt mein Interesse an theoretischer Philosophie? Formale Logik, Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie sind für mich die wichtigsten Domänen der Philosophie. Denn immer dort, wo es um Grundprinzipien wie Axiome, Paradigmen und/oder Glaubensgrundsätze in den Naturwissenschaften geht, bekommt für mich die Philosophie eine tragende Rolle: solche Grundprinzipien verlieren sofort an Wert, wenn man sie nicht systematisch hinterfragt.

Fängt man aber an zu fragen und zu hinterfragen, kommt man schnell auf immer wieder ähnlich gelagerte Fragestellungen. Fragestellungen, die unter verschiedensten Aspekten (kontrovers) behandelt wurden und die (versuchsweise) zu beantworten den Verlauf der Geschichte der theoretischen Philosophie geprägt haben.

Der hier folgende Text ist im Prinzip nichts weiter als ein Exzerpt der Vorlesungsreihe "Einführung in die Theoretische Philosophie", die Prof. Dr. Paul Hoyningen-Huene im Wintersemester 2013/14 an der Leibniz Universität Hannover gehalten hat. Diese Vorlesungsreihe ist frei und ungeschnitten als Video im Netz verfügbar, z.B. bei YouTube. Kommentare von mir kommen wie immer in kursiver Schrift. Bei näherem Interesse bitte stets die Original-Vorlesungen einsehen!

Hoyningen-Huene hat einen - wie ich finde - sehr klaren, präzisen Stil und ist in seinen Ausführungen sehr gut verständlich. Er unterscheidet klar zwischen objektiver Darstellung und persönlicher Positionierung, ähnlich wie es Franz Schupp in seiner Philosophiegeschichte tut. Die Art der Darstellung kommt meinem Vorhaben sehr entgegen. Hoyningen-Huene strukturiert die verschiedenen Disziplinen der theoretischen Philosophie auf immer ähnliche Weise und stellt dabei stets die wichtigsten historischen Entwicklungen dar. Diese Art der systematisch-historischen Philosophiedarstellung halte ich für sehr wertvoll.


1. Vorlesung

Einige Grundunterscheidungen

Wichtige Vorbemerkung: In der Philosophie ist praktisch alles kontrovers. Dies scheint zum Charakter der Philosophie zu gehören.

Begriffe stehen in einem Gegensatzverhältnis zu anderen Begriffen, also wird eine Unterscheidung gemacht.

Theoretische vs. praktische Philosophie

Diese Unterscheidung hat sich institutionell niedergeschlagen (Beispiel: Institute für theoretische Philosophie vs. Institute für praktische Philosophie). Theoria (griechisch): Schau, dagegen Praxis (griechisch): Handlung.

Theorie will herausfinden, was der Fall ist. Praxis will etwas herbeiführen, was noch nicht der Fall ist. Oder dass etwas, was bereits der Fall ist, bleibt und nicht vergeht.

Ganz grob: Theorie : Praxis = Sein : Sollen = Fakten : Werte oder Normen

Die Theoretische Philosophie "beschäftigt" sich mit "Aspekten" der Erkenntnis. Die Praktische Philosophie dagegen "beschäftigt" sich mit "Aspekten" von Handlungen.

Deskriptiv vs. normativ

Diese Unterscheidung ist in vielen Gebieten der Philosophie relevant. Deskriptiv: beschreibend. Dagegen normativ: Normen setzend oder mit Hilfe von Normen bewertend.

Beispiel: Moral. Deskriptiv: Beschreibung herrschender Moralregeln. Normativ: Aufstellung von Moralregeln oder Bewertung von Moralregeln

Beispiel: Erkenntnis. Deskriptiv: Beschreibung gängiger Erkenntnismethoden. Normativ: Bewertung von Erkenntnismethoden.

Deskriptive Aussagen lassen sich ganz anders begründen als normative Aussagen. Gerade hier ist die Unterscheidung deskriptiv vs. normativ wichtig.

Philosophiegeschichte vs. systematische Philosophie

Systematische Philosophie will eine philosophische Frage klären und begründet beantworten. Beispiel: Existiert Gott?

Philosophiegeschichte dagegen will historisch vorhandene Positionen, Argumente und Prozesse der Philosophie verständlich machen. Beispiel: Darstellung des ontologischen Gottesbeweises von Anselm von Canterbury und seine Wirkungsgeschichte (Aufnahme, Modifikationen, Kritik).

In der systematischen Philosophie stellt man sich die Wahrheitsfrage. In der Philosophiegeschichte dagegen versteht man unter "Schwierigkeiten einer Position" meist nur Verständnis- oder Konsistenzprobleme. Die Wahrheitsfrage bezüglich der historischen Position wird dagegen nicht gestellt. In diesem Kontext erscheint die Redeweise von "historisch-systematischer" Betrachtung als ungenau bis unglücklich.

Philosophiegeschichte ist damit jedoch nicht irrelevant für die systematische Philosophie. Denn auch für einen systematischen Philosophen kann es nützlich sein, historischen Positionen, Fragen, Antworten, Argumente etc. zu kennen. Ebenfalls nützlich: Kenntnis von Stärken und Schwächen bestimmter Standardargumente. Schließlich kann es helfen, philosophische Thesen im "Lichte der Geschichte" zu beurteilen.

Analytische vs. kontinentale Philosophie

Hier handelt es sich um eine Unterscheidung aus dem 20. Jahrhundert, die langsam an Klarheit verliert.

Ursprung der Analytischen Philosophie: Anwendung der modernen Logik (Logik seit Frege) für die systematische Behandlung philosophischer Fragen. Hauptvarianten der analytischen Philosophie:

Kontinentale Philosophie: Autoren aus dem europäischen Kontinent (Deutschland, Frankreich, nicht aber Großbritannien, USA, Australien). Beispiele für kontinentale Philosophen: Husserl, Heidegger, Adorno, Habermas, Foucault, Derrida. Kontinentale Philosophie unterscheidet sich durch eine Fülle von Eigneschaften von der analytischen Philosophie: Themen, Bezug zur Philosophiegeschichte, Stil, etc.

Das Gegenstück zur kontinentalen Philosophie müsste "ozeanisch" heißen und nicht analytisch. Das Gegenstück zur analytischen Philosophie müsste "synthetisch" heißen. Sowohl analytische als auch kontinentale Philosophie sieht sich tendenziell als die eigentliche Philosophie und ihr Gegenüber als eine Verfallsform der Philosophie.


2. Vorlesung

Philosophie vs. Einzelwissenschaften

Das Verhältnis Philosophie vs. Einzelwissenschaften ist spannungsreich, weil Philosophie in vielen Fällen anscheinend in einem Konkurenzverhältnis zu Einzelwissenschaften steht. Beispiele: Gleicher Gegegenstand:

Verhältnis Philosophie zu Einzelwissenschaften

Verhältnis von Philosophie zu Einzelwissenschaften ist historisch extrem variabel.

Ist die Philosophie selbst eine Wissenschaft? Nein: nicht im Sinne einer Einzelwissenschaft, denn die Philosophie hat keinen (einigermaßen) klaren Gegenstandsbereich, wie ihn die Einzelwissenschaften haben. Ja, im Sinne einer systematischen, disziplinierten und auf Argumenten basierenden Auseinandersetzung.

Disziplinen der theoretischen Philosophie

Weitere Disziplinen der theoretischen Philosophie: Technikphilosophie, Sprachphilosophie, philosophische Anthropologie, Ästhetik, Geschichtsphilosophie, Hermeneutik, Kulturphilosophie, Kunstphilosophie, Religionsphilosophie.

Beispiel für eine (kontroverse) Beziehung zwischen Disziplinen der theoretischen Philosophie: Metaphysik zu Sprachphilosophie

Typische Gliederung der Disziplinen

Logik

Die Logik beschäftigt sich mit der logischen Folgerung und der logischen Wahrheit. Klassisches Beispiel für die logische Folgerung (= ein korrekter logischer Schluss):

Der Übergang der ersten zwei Sätze (Prämissen) zum dritten Satz (Konklusion) ist zwingend. Es findet Wahrheitstransfer (nach Hoyningen-Huene) statt: Übertragung der Wahrheit der Prämissen auf die Konklusion.

Aufgabe der Logik: Untersuchung korrekter logischer Schlüsse.

Weiteres Thema der Logik: Logische Wahrheit. Beispiel:

Der Satz ist zweifellos wahr (logische Wahrheit), andererseits aber ist der Satz leer in seiner Aussage. In gewisser Weise trifft das für alle logischen Wahrheiten zu.

"Tautologie" ist vermutlich eine andere Bezeichnung für "logische Wahrheit" von Sätzen. Tautologien sind immer wahr, u.z. aus formal logischen Gründen. Alle korrekt bewiesenen Sätze der Mathematik sind Tautologien. Ich frage mich immer, welchen Gehalt solche Sätze haben, wenn sie bloße Tautologien sind. Offenbar machen sie aber schon Aussagen über mathematische Strukturen (axiomatisches System + Definitionen): Präzise und für alle Zeiten gültig.

Der Begriff "Logik" wurde auch für andere Gebiete verwendet. Bei Hegels "Wissenschaft der Logik" beispielsweise handelt es sich eher um Metaphysik. Anderes Beispiel: Unter "Logik der Sozialwissenschaften" versteht man Methodologie.

Manchmal wurde die hier diskutierte Logik auch "Dialektik" genannt. Um solche Verwechslungen zu vermeiden, spricht man statt von Logik auch von "formaler Logik". Diese Bezeichnung wurde von Kant (1724-1804) in der Kritik der reinen Vernunft eingeführt.

Historisches zur Logik

1. Phase: Aristoteles

Aristoteles (384-322 v.Chr.): Erste Analytik = dritter Teil des Organon. Dominant bis Ende des 19. Jahrhunderts. Genannt auch Syllogistik oder klassische Logik.

Syllogistik kommt vom griechischen syllogismos = Schluss. Daher Syllogistik = Schlusslehre.

Hauptthema sind die logischen Schlüsse zwischen bestimmten Typen von Aussagen:

Dabei ist S das Subjekt (Subjektbegriff) und P das Prädikat (Prädikatbegriff). Nicht verwechslen mit den Begriffen aus der Grammatik.

Beispiel für einen syllogistischen Schluss:

2. Phase: ab Frege

Beginn mit Gottlob Frege (1848-1925): Begriffsschrift (1897). Genannt: moderne Logik oder auch Logistik. Innerhalb der modernen Logik wird auch von "klassischer" und "nicht-klassischer" Logik gesprochen.

Moderne Logik, ursprünglicher Zweck: Formalisierung der Schlussweisen der Mathematik. Ausgangspunkt waren innermathematische Betrachtungen: Mathematische Theorie des mathematischen Schließens. Historisch waren Logik und Mathematik separiert. Die Syllogistik betraf eher Sätze der Alltagssprache. Die Schlussweisen in der Mathematik wurden nicht tiefer untersucht. Im 19. Jahrhundert änderte sich das Verständnis "was ist Mathematik" dramatisch, ausgelöst durch die nicht-euklidischen Theorien. Nicht verwechseln mit der Grundlagenkrise der Mathematik im 20. Jahrhundert.

Unterschiede von klassischer und moderner Logik:

Grundbegriffe der Logik

Zentraler Grundbegriff der Logik: Die Logische Form
Für die Gültigkeit logischer Schlüsse ist die "logische Form" der beteiligten Aussagen verantwortlich. (Das ist also "weniger" als die Beschäftigung mit den Aussagen und der aus dem Schluss resultierenden Aussage.)

Für die Gültigkeit dieses Schlusses ist nur die logische Form verantwortlich:

Dabei sind A, B und C "Platzhalter" für Begriffe.

Logische Formen werden mit Hilfe "logischer Formeln" dargestellt. Bsp: Alle A sind B.

Für jedes Teilgebiet der Logik sind bestimmte logische Formen (und damit logische Formeln) charakteristisch.

Zusammenfassung: Die logischen Formen sind namensgebend für die "formale" Logik. Idee: Um die Gültigkeit eines logischen Schlusses zu prüfen, abstrahiert man von konkreten Aussageinhalten und Begriffen (wie im Beispiel oben) und überprüft nur die logische Form des Schlusssatzes.

Teilgebiete der Logik

Syllogistik (s.o.)

Moderne Logik: Aussagenlogik

Typischer Schluss:

Aussagenlogische Form

p und q sind Platzhalter für Aussagen. ˅ steht für "oder" und ¬ für "nicht" (grob gesagt).


3. Vorlesung

Moderne Logik: Prädikatenlogik

Erweiterung der Syllogistik.

Typische Aussage, Beispiel: Alle Hörer dieser Vorlesung langweilen sich.
Reformulierung mit Allquantor ∀ und Bereich:
∀ x (x langweilt sich), Bereich: Hörer der Vorlesung
Prädikatenlogische Form: ∀ x L x, L ist Platzhalter für ein Prädikat. Der Bereich wird nicht erwähnt.
Weiteres Zeichen: ∃ x steht für "Es gibt mindestens ein x".

Weitere Logikgebiete

Metaphysik

Erste Umschreibung

Verschiedene Motive / Grundfragen

Anderer Name für Metaphysik (zeitweise in der Philosophigeschichte): Allgemeine Ontologie.
Ontologie = Lehre vom Seienden.

Gegensatz zu speziellen Ontologien = Ontologien, die die Seinsweise bestimmter Klassen von Gegenständen untersucht, z.B. in der Neuzeit:

Heute vielfach gebrauchter Sinn von Ontologie: "Ontologie einer Theorie" = Menge der Gegenstände, die die Theorie als existent postuliert. Beispiel: Evolutionstheorie postuliert die Existenz von Selektionsdruck, obwohl dieser nicht beobachtbar ist. Anderes Beispiel: Die klassische Elektrodynamik postuliert die Existenz von Feldern.

Der Name Metaphysik

Ursprünglich ein bibliothekarischer Anordnungsname. Angeblich hat Andronikus von Rhodos (ca. 70 v. Chr.) die Aristotelischen Werke so angeordent, dass die Schriften der Metaphysik nach den Schriften über die Physik kamen. "Meta" im Sinne von "danach kommend".
Aristoteles (384-322 v. Chr.) dagegen spricht von "erster Philosophie": die grundlegendsten Fragen hinsichtlich der Welt.

Historisches zur Metaphysik

Wichtig: Was unter Metaphysik verstanden und wie sie bewertet wird, hat sich im Laufe der Geschichte extrem verändert.

Bewertungen reichen von der "höchsten" / "tiefstgehende" Wissenschaft (Wissenschaft des Seins) ... über die Erkenntnistheorie (Zugangsbedingungen zum Seienden) ... bis hin zu "unverständlicher Unsinn".

In gewissem Sinn ist Aristoteles der Begründer der Metaphysik: Systematische Reflexion über diese Disziplin.

Auch schon vor Aristoteles kommt es zur Behandlung metaphysischer Fragen, z.B. Frage nach dem Ursprung alles Seienden, Frage nach dem eigentlich Seienden.

Es folgt nun eine schematische Einteilung der Metaphysik in fünf Phasen.

Metaphysik Phase 1: Antike und Mittelalter

Es werden sachhaltige metaphysische Fragen gestellt und beantwortet.
Sachhaltig im Gegensatz zur Erzählung von Mythen. Sachhaltig die Welt, nicht Wörter oder Begriffe betreffend.

Beispiel: Aristoteles beantwortet die Fragen nach dem eigentlich Seienden: Seiendes sind Einzel-Dinge mit allgemeinen Eigenschaften.
Beispiel die individuelle Tasse hat Eigenschaften einen Henkel zu haben, eine Öffnung zu haben, weiß zu sein etc. Die Eigenschaften sind interessanterweise allgemein; andere Einzel-Dinge können dieselben Eigenschaften besitzen.
Auf das Einzel-Ding - nach Aristoteles ein "dieses da" - kann man draufzeigen, auf die Eigenschaft selbst nicht.
Folgefrage: In welcher Weise gibt es diese allgemeinen Eigenschaften? Das führt zum Universalienstreit.

Beispiel: Für Platon (427-347 v.Chr.) sind Ideen (= Allgemeines) das eigentlich Seiende.

Die Erkenntnismöglichkeiten der Metaphysik und ihre Vorgehensweise wurden zwar schon reflektiert. Diese Reflexion ist allerdings eher nur beiläufig und nicht systematisch ausgeprägt.

Metaphysik Phase 2: Neuzeit (17. bis Ende 18. Jh.)

Es beginnt eine systematische Reflexion auf die Möglichkeiten und Vorgehensweise der Metaphysik.

Extrem wichtiger Kontext für die Neuzeit: Entstehung der modernen Naturwissenschaften, besonders der Physik. Dabei Mathematik und Experiment mit völlig neuen Rollen. Sehr wichtig für das Verständnis der Philosophieentwicklung in dieser Zeit.

Herausbildung der Grundpositionen "Rationalismus" und "Empirismus".
Grundlage ist die antike Unterscheidung von (Sinnes-)Wahrnehmung (aithesis) und Denken (nous).

Position des Rationalismus

Metaphysische Erkenntnis ist primär Vernunfterkenntnis. Insbesondere spielt die Sinneserfahrung eine untergeordnete Rolle.

Die Vernunft ist autonom in der Lage, grundlegende Eigenschaften der Welt zu erkennen. (Während die Sinne uns eher in die falsche Richtung leiten können.)

Hauptvertreter (als Folge durch Anknüpfung an den Vorgänger mit Weiterentwicklung):

Plausibilitätsargument: Warum ist es möglich auf Sinneswahrnehmung zu verzichten?
Analytische Geometrie (Descartes): Überführung von geometrischen Beweisen mit Zeichnungen (Anschauung) in das Lösen von Gleichungen (Denken)
Descartes ist es gelungen zu zeigen, dass die beiden sehr unterschiedlich erscheinenden Gebiete "Geometrie" und die "Lehre von Gleichungssystemen" in ein Gebiet zusammenfallen. Einfaches Beispiel: Die Ermittlung des Mittelpunktes einer Strecke (a) per Konstruktion mit Zirkel und Lineal (b) Bestimmung des Mittelpunktes durch Lösung eines Gleichungssystems.
In der Geometrie benötigt man zwingend die Anschauung. In der analytischen Geometrie ist diese überflüssig / Beiwerk. Das "Eigentliche" des Problems scheint nichts mit der Anschauung zu tun zu haben.

Beispiele für rationalistische Positionen

Position des Empirismus

Der Empirismus leugnet die Möglichkeit von Vernunfterkenntnis, was die Welt betrifft. Alle sachhaltige Erkenntnis über die Welt wurzelt in der Sinneswahrnehmung. Wenn Du etwas über die Welt erfahren willst, so reicht bloßes Nachdenken nicht, man benötigt ein "Fenster" zur Welt über die Sinneswahrnehmung. Nur über diesen Kanal kann etwas aus der Welt zu uns kommen.

Locke: "Nihil est in intellectu quod non prius fuerit in sensu" Nichts ist im Geist, was nicht vorher in den Sinnen war. Der Geist ist eine tabula rasa und alles was in ihm ist kommt über die Sinne aus der Welt zu ihm.

Für Empiristen problematisch wird es mit mathematischer Erkenntnis.

Hauptvertreter:

Beispiel, Hume: Erkennen von Ursache-Wirkungs-Verhältnissen ist nicht wirklich möglich. (Im Gegensatz zum Rationalismus, Leibniz, Satz des zureichenden Grundes.)
Beobachtbar ist nur ein Hintereinander. Z.B. die Sonne scheint auf einen Stein und anschließend wird der Stein warm. Wir machen nur durch Gewöhnung aus dem "post hoc" (Hintereinander) ein "propter hoc" (Ursächliches), wir machen das nicht auf Grund eines legitimen Arguments.
Keinesfalls ist die Folge aus Ursache und Wirkung notwendig.

Es ist also eine recht radikale Position, die Hume hier einnimmt. Philosophiegeschichtlich war das ein Großereignis. U.a. gab es eine starke Wirkung auf Kant: Erweckung aus dem "dogmatischen Schlummer".


4. Vorlesung

Metaphysik Phase 3: Kant

Immanuel Kant (1724-1804) kritische Philosophie, Kritik der reinen Vernunft (1781/1787). Zusammenführung von Rationalismus und Empirismus in der "Transzendentalphilosophie". Das ist insofern erstaunlich, als Rationalismus und Empirismus zwei Positionen darstellen, die sich scheinbar unvereinbar gegenüberstehen.

Erläuterung dieses Programms in 6 Schritten:

  1. Kopernikus (heliozentrisches Weltbild): verstehe die beobachtete Bewegung der Sonne (und der Fixsterne) als Effekt der Bewegung des Beobachters. Die beobachtete Bewegung der Sonne ist vom Bobachter in die Wirklichkeit hineingetragen.
    • (Zusammenspiel von empirischen und rationalen Argumenten)
    • Dieses Motiv ist bis in die heutige Zeit in den Naturwissenschaften präsent: Sehe ich bei einem beobachteten Phänomen eine Eigenschaft des Objektes selbst oder trage ich selbst aufgrund meiner spezifischen Situierung etwas in das Phänomen hinein?
  2. Analog dazu Kants "kopernikanische Wende": In allen empirischen Phänomenen finden sich Aspekte, die von uns Beobachtern stammen: Formen der Anschauung (Raum und Zeit) und Formen des Urteils (Kategorien). Diese werden in die Phänomene hineingetragen und erscheinen uns als Eigenschaften der Phänomene selbst.
    • [Analogie: Farben. Es gibt keine objektive Farbigkeit der Welt. Durch unsere spezielle Art der Wahrnehmung erscheinen uns Objekte mit einer bestimmten Oberfläche unter bestimmtem Licht farbig. Farbenblinde Menschen (mit nur zwei Farbrezeptoren), normalsichtige Menschen (drei Farbrezeptoren) und Tiere mit vier Farbrezeptoren (Tetrachromaten) haben eine ganz unterschiedliche Farbwahrnehmung. Die Farbigkeit wird also durch den Beobachter in die - eigentlich farblose - Welt hineingetragen. Bei Farben spricht man daher nicht von objektiven Eigenschaften der Gegenstände sondern von sekundären Eigenschaften.]
    • Es geht also wieder um die beiden Vermögen Anschauung und Denken.
    • Beispiel: Raum und Zeit. Die Welt selbst wäre also nicht raumzeitlich (geanuer: weder räumlich noch zeitlich). Wir als Beobachter (genauer: unser Anschauungsvermögen) tragen Raum und Zeit in die Phänomene hinein, um damit eine gewisse Ordnung der Welt herzustellen. Denn unsere Anschauung ist räumlich und zeitlich organisierend. Wir können immer nur räumlich und zeitlich anschauen, nicht anders.
    • Weiteres Beispiel: Kausalität. Wir tragen durch unser Denkvermögen die Kausalität in die Phänomene hinein.
    • Inhalte von Anschauungen und Urteilen stammen nicht von uns, sondern kommen von den Phänomenen selbst.
  3. Die den Menschen zugängliche Realität, die sog. Erscheinungen, sind daher durch menschliche Anschauungsformen und Kategorien (Formen des Denkens) geprägt.
  4. "Transformation" der Metaphysik: Die Metaphysik hat nicht mehr das Ziel, das "Ding an sich" (die absolute Realität) zu erkennen, sondern hat nurmehr das Ziel, die Erscheinungen zu erkennen (eine Metaphysik der Erscheinungen zu sein).
    • Man kann diese Art der Transformation als "Exekution" der Metaphysik auffassen.
  5. Weil die uns zugängliche Realität durch von uns stammende Anschauungsformen und Denkformen (Kategorien) geprägt ist, kann Einiges über sie a priori (= nicht auf Erfahrung basierend) gewusst werden. Beispiele: Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Kausalität.
    • Nach der Exekution der Metaphysik ist dies das Trostpflaster. Nicht alles was wir über Erscheinungen wissen können, müssen wir den empirischen Wissenschaften überlassen. Es gibt eine Metaphysik der Erscheinungen, d.h. eine metaphysisch-rationale Erkenntnis von Erscheinungen. Also noch bevor ich die Erscheinung anschaue, weiß ich etwas über sie, nämlich das, womit ich sie präge. Das führt zu Erkenntnis, die a priori möglich ist.
  6. Daraus folgt insbesondere: Die Notwendigkeit in der Kausalverknüpfung kann (sicher) erkannt werden (entgegen den Aussagen des Empirismus), weil sie [die Kausalverknüpfung] von uns in die Phänomene [mit Notwendigkeit] hineingetragen wird.
    • Metaphysische Erkenntnis a priori über Phänomene ist möglich, z.B.: Alles ist kausal miteinander verknüpft.
    • Der Anspruch der Rationalisten, die absolute Realität zu erkennen, wie sie unabhängig vom Menschen ist, wird radikal aufgegeben.

Funktioniert das Programm von Kant? Man kann die folgende Auffassung vertreten: Kant hat unter der damals gegebenen Auffassung von Geometrie extrem starke Argumente für den Anspruch vorgelegt, dass der Raum eine Form der Anschauung ist. Im 19. Jht hat sich aber der Status der Geometrie massiv verändert und damit wird das Argument für die Transzendentalität des Raumes hinfällig.

Ich persönlich habe Kant immer so gelesen, dass seine "Theorie" des Raumes nicht hinreichend ist, um die Eigenschaften des Euklidischen Raumes daraus abzuleiten. Die transzendentale Ästhetik scheint mir vorsichtiger ausgeführt und die darin zugrunde gelegte geometrische "Theorie" entsprechend schwächer zu sein. Und so lese ich Kant ohne Widerspruch zur Gültigkeit modernerer Geometrien, insbesondere Minkowskiraum und nicht-euklidische Geometrien etwa im Rahmen der Relativitätstheorie des 20. Jh. Insofern sind seine Argumente m.E. weiterhin gültig, auch wenn sich Status von Geometrie und Mechanik geändert haben.

Mit anderen Themen der Kantischen Philosophie habe ich dagegen Schwierigkeiten. So verstehe ich nicht, was zwischen der absoluten Realität / den Dingen an sich und der Sinnlichkeit / unserem Wahrnehmungsapparat so vermittelt, dass überhaupt Inhalte zu uns gelangen können. Die "Fenster" der Sinnlichkeit müssen doch so beschaffen sein, dass das, was durch sie eindringt, den Formen der Anschauung und des Denkens überhaupt genügen kann. Ist es denkbar, dass die Welt außerhalb unserer Wahrnehmung unräumlich und unzeitlich ist? Oder muss nicht vielmehr Räumliches und Zeitliches auch a priori in der Welt sein, damit wir die Inhalte entsprechend unseren Formen der Anschauung aufnehmen können? Form und Inhalt scheinen eine eigentümliche Verbindung zu brauchen, eine Verbindung die mir bei Kant fehlt.

Was heißt transzendental?

Kant: "Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart von Gegenständen, sofern diese a priori möglich sein soll, überhaupt beschäftigt." (KrV, B25, ähnlich A11-12)

Gegenstände sind hier im Sinn von Erscheinungen aufzufassen. Die Erkenntnis von Erscheinungen (Metaphysik) und die Erkenntnisart von Gegenständen (Erkenntnistheorie) werden in der Transzendentalphilosophie untrennbar zusammen gebracht.

Der Begriff "transzendental" betrifft die (originär subjektseitigen und notwendigen) Bedingungen der Möglichkeit von (objektiver, d.h. empirische Objekte betreffende) Erfahrung.
Wieso spricht Kant von "Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung" und nicht einfach von "Bedingungen der Erfahrung"? Das Subjekt bringt die Möglichkeit zur Erfahrung mit Kraft dieser Bedingungen. Erfahrungen werden nur dadurch möglich, dass das Subjekt entsprechende Sinneseindrücke aus der Welt sammelt und ausgerüstet mit den Formen der Anschauung und des Denkens diese Eindrücke entsprechend verarbeitet. Worüber entsteht dann Erfahrung? Erfahrung von Dingen (= empirische Objekte).

Metaphysik Phase 4: Deutscher Idealismus

Ausgangspunkt: Kritische Weiterentwicklung der Philosophie Kants in ein umfassendes System.
Kants Hauptwerk heißt ja "Kritik der reinen Vernunft" und nicht "System der reinen Vernunft". "Kritik" wird hier verstanden als "kritische Sichtung" nicht in dem Sinne von "Kritik und Zurückweisung".
→ Selbstprüfung der reinen Vernunft

Hauptvertreter:

Grobe Zielsetzung: Die Vertreter des deutschen Idealismus haben versucht, verschiedene Dichotomien (z.B. zwischen Anschauung und Denken, zwischen Verstand und Vernunft) bei Kant und seine erkenntnisskeptische Position zu überwinden.

Es gibt extrem unterschiedliche Einschätzungen der Philosophie des deutschen Idealismus: sie reichen von "höchster je erreichter Form der Philosophie (nach Platon und Aristoteles)" bis hin zu "reine Scharlatanerie".

Metaphysik Phase 5: Nach dem 19. Jahrhundert

Extrem unübersichtlich mit stark metaphysikkritischen Strömungen.

Nach 1831 (Hegels Tod): Zusammenbruch des Hegelschen Systems.
Unmittelbar nach seinem Tod war der charismatische Einfluss von Hegel nicht mehr wirksam. Der "Zusammenbruch" kam aber schleichend. Die Philosophen haben einfach weniger mit Hegel beschäftigt.

Neukantianismus (Mitte 19.Jh. bis frühes 20.Jh.): Wiederbelebung der Kantschen Tradition. Einerseits gegen den deutschen Idealismus, andererseits gegen den Materialismus gerichtet. Materialismus wurde von philosophierenden Naturwissenschaftlern entwickelt. (Aufblühen der Naturwissenschaften)

"Tatsachenontologie": besonders Ludwig Wittgenstein (1889-1951), Tractatus logico-philosophicus (1921):

"Die Welt ist alles was der Fall ist." (Satz 1)

"Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge." (Satz 1.1)

"Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten" (Satz 1.2)

"Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen)." (Satz 2.01)


5. Vorlesung

Metaphysikkritik: Ausgehend vom Wiener Kreis (1920er Jahre bis 1938) "logischer Positivismus" oder "logischer Empirismus"
Bisher musste man sich primär mit der Aristotelischen Syllogistik zufrieden geben. Jetzt steht ein sehr viel stärkeres Instrument mit der modernen Logik zur Verfügung. Programm: stelle die Philosophie mit der modernen Logik auf ein neues Fundament. → "wissenschaftliche Philosophie"

"Prozessphilosophie", besonders Alfred North Whitehead (1861-1947), Process and Reality (1929): Anschluss an Heraklit (panta rhei - alles fließt)
Whitehead hatte sich zunächst einen Namen gemacht als Logiker, insbesondere als Autor der "Principia Mathematica" zusammen mit Bertrand Russell.

Ab 1960er Jahre: Antirealismus in verschiedenen Spielarten, besonders von der Wissenschaftsphilosophie herkommend und auf die Sozialwissenschaften übergreifend. Dort radikalisiert und "Konstruktivismus" genannt.
Die Dinge, bei denen wir per gesundem Menschenverstand ausgehen, dass es sie gibt, existieren nicht real. Sie sind von uns gemacht / konstruiert.
In den Sozialwissenschaften wird häufig ein "Sozialkonstruktivismus" für selbstverständlich genommen. Das ist dann auch problematisch. Beispiel: militärische Grade sind nicht naturgegeben sondern gesellschaftlich konstruiert. Ist aber auch die Körperbehinderung (Sonderpädagogik) eine Sozialkonstruktion ohne Bezug auf die Biologie?
Beispiel für eine unkritische Begründung des Konstruktivismus: Eigenschaften von wahrgenommenen Gegenständen beruhen auf der Wahrnehmung eines bestimmten Wahrnehmenden. Daher kann das Wahrgenommene niemals objektiv sein, denn es ist und bleibt bezogen auf den Wahrnehmenden. Gegenargument/Analogie: Angenommen nun, man photographiert einen Kreis unter verschiedenen Winkeln, so dass er auf vielen Aufnahmen wie eine Ellipse erscheint. Ich sehe die Ellipse durch das Abbildende, nämlich die Kamera. Es gibt aber auch Aufnahmen, bei denen der Kreis als Kreis erscheint. Hier wird die sonst verzerrende Wirkung der Kamera nicht deutlich. Man kann also fragen: Ist die Bindung an das Abbildende/den Abbildenden/den Wahrnehmenden so geartet, dass es Bedingungen gibt, bei denen die die Abbildung/das Wahrgenommene nicht "verzerrt" wird?

Neuer Essentialismus (ca. seit den 1970er Jahren): realistische Gegenbewegung gegen die verschiedenen antirealistischen Richtungen. Die antirealistischen Richtungen hatten sich im Wesentlichen auf Thomas Kuhn berufen ("Die Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen" (1962)).
Einzuordnen in die analytische Metaphysik. Anschluss an Aristotelische Muster, ein Vorgehen das in der Neuzeit und insbesondere nach Kant eigentlich erledigt war.

Unterscheidung von "essentiellen" und "akzidentellen" Eigenschaften (Details kommen später noch).

These: Es gibt essentielle Eigenschaften tatsächlich in der Welt. Diese These gibt es in verschiedenen Varianten.
Diese philosophische Schule ist geographisch beschränkt: England und Australien.

Grundberiffe der Metaphysik

Alle folgenden Begriffe unterliegen selbstverständlich einem starken historischen Wandel.
Beispiel das "Subjectum" = das Heruntergeworfene wurde in der antiken Philosophie als das Zugrundeliegende aufgefasst. So war bei einer Rede das Subjectum das, worüber die Rede geht, also das der Rede Zugrundeliegende. Eine ähnliche Bedeutung liegt heute noch beim englischen "subject" vor. Bei Descartes ändert sich das, ab dann ist das Zugrundeliegende das "ich". Ganz deutlich wird diese Bedeutung beim "verkommenen Subjekt".


6. Vorlesung

Weiter mit Grundbegriffen der Metaphysik

Philosophie des Geistes

Im Englischen: "Philosophy of mind"

"mind" ist hier ein wesentlich neutraleres Wort im Vergleich zu Geist, Seele, Bewusstsein. Deutsche Übersetzung "das Mentale".

Erste Annäherung: Die Philosophie des Geistes beschäftigt sich mit der Seinsweise des Mentalen und seinem Verhältnis zum Materiellen (Leib-Seele-Problem, Körper-Geist-Problem, Gehirn-Bewusstsein-Problem).

Die Philosophie des Geistes wird von etlichen Philosophen als Teil der Metaphysik angesehen, etwa als Metaphysik des Mentalen.

Teilgebiete der Philosophie des Geistes

Das Leib-Seele-Problem

Das Problem tritt auf, wenn das Geistige als irgendwie deutlich unterschieden vom Materiellen gesehen wird.
Das Leib-Seele-Problem ist kein "ewiges" philosophisches Problem sondern es kommt erst vor ca. 400 Jahren auf. Das Materielle war eigenständig untersuchbar, etwa durch die Physik. Damit wurde es als etwas Eigenständiges angesehen, das von anderer Sorte als das Geistige ist. Denkt man dagegen das Materielle immer als Einheit mit dem Geistigen (Psychisches, Lebenskraft, o.ä.), dann tritt das Leib-Seele-Problem in dieser Schärfe gar nicht auf.

Es stellt sich dann die Frage nach der Seinsweise des Geistigen und seinem Verhältnis zum Materiellen.

In der frühen Neuzeit wird das Materielle mechanisch verstanden (nicht mehr organisch). Es entwickelt sich die neuzeitliche Physik (Naturgesetzbegriff, Mathematisierung, Experiment).

Dieser Übergang wurde charakterisiert als die Mechanisierung des Weltbildes (Anneliese Maier, 1938; E. J. Dijksterhuis, 1950). Insbesondere Wegfall der Signifikanz der aristotelischen Unterscheidung von Naturdingen und Artefakten.
Es gab die Lehre von den Naturdingen und die Lehre von der Technik (für die Artefakte). Der Korpuskularisumus ebnet diese Unterscheidung ein. Nur so ist es möglich durch "artifizielles" Experimentieren Erkenntnis über die Natur der Materie zu erlangen.


7. Vorlesung

Historisches zum Leib-Seele-Problem: Überblick

Substanzdualismus   Substanzmonismus          
  Eigenschaftsdualismus   Eigenschaftsmonismus      
      Behaviorismus   Identitätstheorie  
          type-Identität token-Identität

Substanz-Dualismus

Beginn mit der Zwei-Substanzen-Lehre von Descartes (1596-1650)

Problem: Anscheinend üben Geist und Materie Wirkungen aufeinander aus. Beispiele:

Auch ganz fundamental (mental causation), dass wir etwas wollen und dieses dann zu einer Handlung führt, zeugt von einer Verbindung zwischen Geist und Materie.

Wie ist das im Substanzdualismus zu denken?

Die Zwei-Substanzen-Lehre ist also ziemlich problematisch und daher heute fast ohne Anhänger. Ausnahme z.B. Richard Swinburne: Mind, Brain and Free Will, Oxford 2013.

Popper und Eccles waren auch Dualisten. Ist heute aber selten.
  Werden Materie und Geist so stark vereinzelt, dass das eine räumlich ist und das andere unräumlich und ganz anderer Natur, dann bekommt man Schwierigkeiten mit der Wechselwirkung. Je näher Materie und Geist "zusammen rücken", desto plausibler ist die Wechselwirkung aber desto schwerer wird es zu begründen, warum Materie und Geist von so verschiedener Natur sein sollen.

Substanz-Monismus

Alternative: Monistische Lösung, d.h. es gibt nur eine Art von Substanz. Dies ist auch durch die Kontinuität der kosmischen Entwicklung und der biologischen Evolution nahegelegt.

Unser heutiges naturwissenschaftliches Weltbild legt eine Kontinuität der Entwicklung nahe. Der Kosmos beginnt zu existieren mit dem Urknall vor 13,75 Mrd. Jahren. Man kann recht gut erklären, was danach passiert ist (bis die Zeit in unmittelbarer nach dem Urknall). Nach 1 Mrd. Jahren waren die ersten Galaxien da. Man kann die Entwicklung der schweren Elemente erklären (durch Supernovae). Die Erde ist vor 4,5 Mrd. Jahren entstanden. Seit 3 Mrd. Jahren sind die Bedingungen auf der Erde so, dass Leben entstehen kann. Leben ist die Existenz replikationsfähiger Systeme. In den letzten paar Milliarden Jahren hat sich das Leben entwickelt. Später auch die Säugetiere. Vor ca. 7 Mio. Jahren kamen die Prähominiden. Am Ende ist Homo sapiens übrig geblieben. Bei dieser Entwicklung herrscht sehr gute Kontinuität; es gibt keine Brüche.
  In Anbetracht dieser Entwicklung erscheint es heute wenig plausibel, warum und ab wann es Lebewesen geben soll, die eine zweite Substanz haben sollen. Anders gesagt: für den Geist fehlt die Story. Es ist schwierig zu verstehen, wieso es einen prinzipiellen Unterschied zwischen Tieren und Menschen geben soll. Nach Descartes haben Tiere keine Seele.
  Thomas Nagel hat ein Buch darüber geschrieben, warum die biologische Evolution praktisch sicher falsch ist. Aus der Verschiedenheit des Mentalen vom Physischen wird geschlossen, dass die oben erzählte Geschichte nicht stimmen kann.
  Wenn man die Kontinuitäts-Story glaubt, dann liegt der Monismus nahe. Dann muss man erklären, wie das Mentale in der rein materiellen Welt (zumindest auf grund der einen Substanz) zustande kommen kann.
  Lebewesen emanzipieren sich von der partikulären Materie mit der sie angefangen haben aufgrund ihres Stoffwechsels. Während ein Stein einfach aus bestimmten Molekülen besteht ohne wesentliche Änderung dieser Struktur in der Zeit. Im erwachsenen Menschen ist mit großer Wahrscheinlichkeit kein einziges Molekül mehr enthalten, aus denen das befruchtete Ei bestanden hat. Das Lebendige ist also eine Art Emanzipationsprozess von etwas, das am Anfang ein Zwang ist. (Beispiel war auch: Entwicklung der Warmblüter. Körpertemperatur ist unabhängig von der Umgebungstemperatur)

Das im Substanz-Dualismus evtl. unlösbare Problem der Körper-Geist-Interaktion könnte im Substanz-Monismus möglicherweise aufgelöst werden.

Grundsätzlich mögliche Positionen:

Eigenschaftsdualismus

Des Substanz nach sind Gehirnvorgänge / Gehirnzustände mit mentalen Vorgängen / mentalen Zuständen identisch.

D.h. Gehirnvorgänge haben neben ihren physischen Eigenschaften auch noch nicht-physische Eigenschaften: mentale Eigenschaften.

Analogie: Ein Bild hat neben seinen physischen Eigenschaften auch ästhetische Eigenschaften.

Wir können das Gehirn untersuchen und finden physische Eigenschaften: Masse, Zellstrukturen etc. Das "arbeitende" Gehirn besitzt aber hinsichtlich seiner Zustände und Vorgänge auch noch mentale Eigenschaften.
  Wenn ich 2x2=4 denke, dann werden irgendwelche Stoffe im Gehirn verändert. Gleichzeitig passiert etwas Mentales. [Was immer das genau ist.]

Prominenteste eigenschaftsdualistische Position: Epiphänomenalismus

Gehirnzustände haben neben ihren physischen Eigenschaften auch genuin anderes geartete Eigenschaften mentaler Art, die aber keinerlei kausale Wirkung auf die physischen Zusammenhänge haben.

"Epiphänomenale Eigenschaften sind Eigenschaften, die zum Phänomen hinzukommen analog zum Schattenwurf eines physischen Ereignisses.

Der Schatten läuft mit dem Jogger. [Auch wieder nur ein Bild u.z. kein besonders gutes, denn der Schatten lässt sich rein physisch erklären.]

Der Schatten folgt den physischen Ereignissen, hat aber (normaler Weise) keine Rückwirkung auf sie. Die zeitliche Abfolge der Schattenphänomene besitzt keine eigene Dynamik, sondern ist nur Abbild der Dynamik physischer Phänomene.

Epiphänomenale Eigenschaften sind "kausal inert" (ohne jegliche Wirkung auf irgend etwas). Sie sind "stumme Begleiter" der physischen Phänomene.

Psychische Phänomene sind in dieser Sicht kausal vollkommen irrelevant.

Beispiel: Nicht das Schmerzerlebnis ruft selbst den "Aua"-Schrei hervor, sondern das dem Schmerz zugrunde liegende physische Phänomen. Das Schmerzerlebnis spielt bei der Entstehung des Schmerzschreis keine Rolle.

Es gibt keine "mentale Verursachung."

Aber ich kann doch willentlich meinen Arm heben! Da wäre doch das Mentale die Ursache des Physischen!? Dieses Problem gibt es hier gar nicht. Es gibt ein physisches Geschehen, das dazu führt, dass mein Arm nach oben geht. Das Mentale am "Willen" ist lediglich begleitend zu einem komplexen physischen Geschehen zu verstehen.
  Eabei gibt es auch eine Art von Harmonie, die das Mentale immer passend zum jeweils physischen Vorgang erscheinen lässt. Diese Harmonie ist sogar evolutionstheoretisch erklärbar: Arten deren mentale Vorgänge unharmonisch zu ihren physischen Vorgängen waren, sind ausgestorben.

Kausalität gibt es immer nur zwischen physischen Ereignissen, von denen manche von mentalen Ereignissen begleitet werden.

Die meisten physischen Ereignisse laufen ohne mentale Begleitung ab. Die Neurowissenschaften untersuchen die jenigen neuronalen Vorgänge, die zusätzlich als neuronale Korrelate des Bewusstseins (ncc - neural correlates of consciousness) identifiziert werden können.

Das Mentale ist hier ein Schattenspiel ohne jegliche kausale Kraft oder Autonomie.

Hier ist für den freien Willen kein Platz. Man hat Experimente (Libet-Experimente) gemacht und Probanten beobachtet, die einen Knopf drücken. Bevor sie den Knopf drücken liefen in ihrem Gehirn ganz bestimmte neuronale Vorgänge ab. Daraus wurde geschlossen, dass Ursache-Wirkung ausschließlich auf physischer Ebene stattfindet.

Dies deckt sich jedenfalls nicht mit unserer Selbsterfahrung.
Das spricht ggf. gegen die Selbsterfahrung.

Besser wäre es natürlich, man hätte eine Theorie, wo auch die Selbsterfahrung zu ihrem Recht kommt. Beim Leib-Seele-Problem ist das leider nicht so einfach.
  Also nehmen wir an, der Epiphenomenalismus ist nicht in Ordnung. Offenbar sind wir immer noch zu nah an Descartes Position. Wenn ich das Rätsel zwischen den gänzlich heterogenen Eigenschaften nur dadurch lösen kann, dass die mentalen Eigenschaften reine epiphänomenale, nur begleitende, nicht autonome Eigenschaften sind, dann ist der Preis zu hoch.
  Wir müssen etwas anderes finden. Wir wollen festhalten am Substanzmonismus. Wir müssen es aber auch schaffen, die Eigenschaftsklassen näher zusammenzubringen.

Substanzmonismus ohne Eigenschaftsdualismus

Hier scheint es auf den ersten Blick nur noch eine Position zu geben:

Damit sind wir bei einem beinharten Materialismus. Wo bleibt dabei die Eigenart des Mentalen?

Das Mentale müsste eine physische Eigenschaft des Physischen sein.

Es gibt mehrere Varianten dieser Position entwickelt seit den 1950er Jahren.

In den letzten 60-70 Jahren ist Bewegung in das alte Leib-Seele-Problem gekommen. Viele philosophischen Lehrstühle werden mit "Philosophy of Mind" Anhänger besetzt.

Philosophischer Behaviorismus

Besonders Gilbert Ryle (1900-1976), The concept of mind (1949). Aber auch Carl G. Hempel.

Grundidee: Die Vorstellung eines eigenständigen Geistes ist ein Mythos, der durch einen spezifisch fehlerhaften Sprachgebrauch zustande kommt. Es handelt sich um "Kategorienfehler" (category mistake).

Das Körper-Geist-Problem einsteht durch fehlerhaften Sprachgebrauch. Gibt man diesen auf, verschwindet das Körper-Geist-Problem.
  Der Kategorienfehler von dem hier die Rede ist, bezieht sich weder auf den Begriff der Kategorie von Aristoteles noch auf den von Kant.

Beispiel für einen Kategorienfehler: Beginn eines Fußballspiels A gegen B. Mitglieder der Mannschaft A laufen ein: A1 bis A11.
  Jemand fragt: Und wann läuft die Mannschaft A ein?
  Fehler: "Mannschaft" wird in die gleiche Kategorie eingeordnet wie "Spieler", nahegelegt durch den parallelen Sprachgebrauch:

Analog: Behandlung von Geist und Materie als der gleichen Kategorie zugehörig, beides nämlich "Substanzen" (im Substanzdualismus), ist ein Kategorienfehler.

Wir reden über mentale Dinge so, als wären sie eigene Substanzen. "Es gibt diesen und jenen Gedanken." und "es gibt diese und jene Materie." Wir reden so, als wären die mentalen Dinge und die materiellen Dinge eigenständig. Dadurch bekommen wir Probleme, wenn wir uns fragen, wie diese eigenständigen Dinge miteinander interagieren können. Die Frage nach der Wechselwirkung ist einfach falsch gestellt. Genauso falsch gestellt wie die Frage, wann eigentlich die Mannschaft einläuft, wenn doch schon alle Spieler auf dem Feld stehen.

Ryle: Dieser Kategorienfehler charakterisiert die gesamte Philosophie des Geistes seit Descartes.


8. Vorlesung

Der sprachphilosophische Ansatz liefert hier ein neues Instrument einer fundamentalen Kritik: Der nicht angemessene Sprachgebrauch liefert Scheinprobleme. Die dargestellten Alternativen sind nicht sachangemessen.
  Dies führte zu einem Bruch mit der Geschichte der Philosophie, insbesondere mit der Metaphysik. Die Hoffnung war, dass aus dem sprachphilosophischen Ansatz eine gänzlich neue Philosophie erwachsen würde.

Der Geist ist ein "Gespenst der Maschine".

Das Physische ist das Maschinelle. Wo ist dann eigentlich der Geist? Schon Leibniz hast sich diese Frage gestellt. Angenommen, man würde das Gehirn immer weiter vergrößern und man könnte zwischen all seinen Zahnrädern / Mühlrädern herumlaufen, dann würde man alles mögliche Materielle finden, nicht aber einen Gedanken.

Kategorial richtige Einordnung des Mentalen nach Ryle:

Ryle ist ein gutes Beispiel für einen sprachanalytisch arbeitenden Philosophen.

Die Frage nach der Interaktion zwischen dem Physischen und dem Mentalen setzt voraus, dass beide in irgend einer Weise selbstständig sind. Diese Frage verschwindet in dem Moment, wo das Mentale auf Verhaltensdispositionen des Physischen zurückgeführt werden kann.

Tendenz der sprachanalytischen Philosophie: die Quelle traditioneller philosophischer Probleme ist ein irreführender Sprachgebrauch, der nicht durchschaut ist.

Schwierigkeiten mit dem Philosophischen Behaviorismus

Identitätstheorie

Die Identitätstheorie entstand aus Kritik am logischen Behaviorismus in den 1950er Jahren. Kritik insbesondere, dass nicht alle mentalen Zustände auf Verhaltensdispositionen zurückgeführt werden können.

Grundvorstellung der Identitätstheorie: Alle mentalen Zustände sind mit physischen Zuständen (Gehirnzuständen) identisch.

Der Unterschied zwischen dem Mentalen und dem Physischen liegt allein in der Beschreibung.
Der Unterschied liegt nicht in der Sache begründet sondern darin, dass wir ein und dieselbe Sache auf unterschiedliche Weise beschreiben.

Beide Beschreibungen sind unterschiedlich, beschreiben aber dasselbe X. Man kann dies aber nur mit zusätzlichem Wissen erkennen. Nur aus den beiden Beschreibungen ergibt sich das nicht. Außer, dass der Autor beide X mit demselben Namen bezeichnet hat, eben mit X. Und gemeint ist natürlich die Leibniz Universität Hannover.

Es gibt zwei Hauptvarianten der Identitätstheorie: Type-Type-Identität oder nur Token-Token-Identität.

Type-Type-Identität

Type-Type Identität, Beispiel: Kochsalz ist NaCl. Jedes Token des Typs Kochsalz ist auch ein Token des Typs NaCl.

Type-Type Identitäten müssen empirisch herausgefunden werden.

Angewandt auf die Identitätstheorie des Geistes: Jeder Typ von mentalen Zuständen ist mit einem Typ von von neuronalen Zuständen identisch.

Angenommen ich nehme ein bestimmtes Blau wahr. Dann ist die Blauwahrnehumg auf der Erlebnisseite ein ganz bestimmter neuronaler Zustand.

Beispiel: Schmerzempfindungen sind mit einem bestimmten Typ von Gehirnzuständen identisch.

Empirisch nachprüfen müssten das die Neurowissenschaftler.
Bei allem Respekt aber wie bitte soll das gehen? Wie will man empirisch feststellen wollen, dass die Blauwahrnehmung nichts anderes ist als ein bestimmter neuronaler Zustand? Das scheint mir eher ein Paradigma der Neurowissenschaft zu sein, als eine empirisch nachweisbare Aussage.

Type-Type-Identität löst elegant das Problem der Leib-Seele-Interaktion, inklusive der "downward causation", der Wirkung des Mentalen auf das Physische.

Beispiel für downward causation: ich entschließe mich, meinen Arm zu heben. Dann passiert etwas Physisches.

Gleiche Gedanken lösen das gleiche Physische aus, z.B. "ich will den Arm heben".

Der Gedanke "ich will den Arm heben" ist immer der gleiche neuronale Zustand. Dieser Zustand hat bestimmte kausale Folgen. Gleiche Zustände, gleich Folge.
  Macht man die Typen-Identität transindividuell: wenn Sie den Arm heben wollen, haben Sie auch eine neuronale Konstellation, die von genau derselben Art ist wie meine.

Problem: Ist die Type-Identität wirklich plausibel? Kann nicht ein und derselbe Gedanke in verschiedenen Menschen sehr verschieden neuronal realisiert sein?

Angenommen, ich denke, "2 x 2 = 4" und Sie denken "2 x 2 = 4", ist es dann wirklich plausibel anzunehmen, dass man irgendein neuronales Muster identifizieren kann, das bei meinem Gedanken und bei Ihrem Gedanken identisch ist?

Analogie: Speicherung von Information auf einer Festplatte. Das kann auf extrem unterschiedliche Weise geschehen.

Information kann in extrem unterschiedliche physische Formen gegossen werden und bleibt immer die gleiche Information. Schau' dir an, wie locker die Verbindung ist zwischen der Information und dem Physischen: unterschiedlichste Arten der physischen Speicherung, unterschiedliche Codierungen.
  Fazit unabhängig von dieser Analogie: Man kann Zweifel bekommen an der Plausibilität der These, dass ein und derselbe (oder nur der gleiche?) Gedanke bei allen Leuten in gleicher Weise neuronal realisiert ist. Die Gehirne sind verschieden. Es könnte doch zumindest leichte Abweichungen geben.
  Trans-Spezies-Problematik: Wenn ich einem Hund oder einer Katze auf die Pfote trete. Ist der Hundeschmerz und der Katzenschmerz dieselbe neuronale Konfiguration?

Ausweg: bleiben wir bei der Identitätsbehauptung. Aber verlangen wir jetzt nur die Token-Identität zwischen Mentalem und Gehirn. Auch das liefert Schwierigkeiten, wird hier aber nicht näher behandelt.

Jeder einzelne mentale Zustand ist identisch mit einem spezifischen physischen Zustand.

Grundbegriffe der Philosophie des Geistes

Naturphilosophie

Erste Umschreibung - aus heutiger Sicht:
  Naturphilosophie kann als Teil der Metaphysik gesehen werden, Naturphilosophie ist Metaphysik mit dem Gegenstand Natur.

Demnach geht es um die Seinsweise der Naturdinge und um die fundamentalen Begriffe, mit denen Naturdinge beschrieben werden.

Früher (frühe Neuzeit): Lateinisch, philosophia naturalis oder englisch, natural philosophie. Hier umfasste die Naturphilosophie auch die Naturwissenschaften, insbesondere die Physik.

Beispiel Newton: Principia Mathematica Philosophiae Naturalis (1687); Entwicklung der Newtonschen Physik

Noch früher (Aristoteles): Physikvorlesung = wissenschaftliche und metaphysische Bestandteile vereinigt, ebenso Mittelalter. Physik umfasste bei Aristoteles nicht nur Physik im heutigen Sinn sondern auch Biologie.

Historisches zur Naturphilosophie

Aristoteles

Aristoteles (384-322 v.Chr.): Physik oder Physikvorlesung.

Wissenschaft von der Physis = Natur

Physis stammt von griechisch phyein = wachsen.

Naturdinge sind "gewachsene Dinge", sie sind von selbst das geworden, was sie sind.

Anders gesagt: Naturdinge sind keine Artefakte. Später, in der wissenschaftlichen Revolution wurde dieser Unterschied zwischen den Naturdingen und Artefakten eingeebnet.
  Die Physik des Aristoteles untersucht, was diese Naturdinge tun.

Aristoteles denkt (nach heutigen Begriffen) vielfach biologisch. Er war auch Begründer der Systematik in der Biologie und hat ca. 500 Tierarten beschrieben.

Gegensatz zu Naturdingen: Artefakte (= nicht Gegenstand der Aristotelischen Physik)

Dynamik ist für Aristoteles im Rahmen der Physik nur interessant in Bezug auf die Dynamik, die die Naturdigne von sich aus haben, ohne "artifiziellen" Einfluss.

Themen der Physik:

Kosmologie (Aufbau der physischen Welt) in "Über den Himmel"

Geozentrisches Weltsystem: Erde als Kugel im Zentrum des Universums

Dass die Erde eine Kugel ist, wird bei Aristoteles nicht mehr kritisch diskutiert. Bei Platon gibt es noch die Diskussion mit Blick in die Vergangenheit. Drei Argumente für die Kugelgestalt der Erde: (1) Schiffe auf dem Meer verschwinden hinter dem Horizont (2) bei Mondfinsternissen: der Schattenwurf der Erde auf den Mond (3) Zeit- und Sonnenstand-Unterschiede, wenn man sich über weite Bereiche auf der Erde bewegt.
  Es gehört zu den weit verbreiteten Mythen, erst im Mittelalter sei die Vorstellung von der Scheibengestalt der Erde abgeschafft worden. Dieser Mythos wurde von zwei Geistlichen im 19. Jh. in die Welt gesetzt.

Irdische Sphäre: bis zum Mond (sublunar); charakterisiert durch Veränderungen inkl. verschiedener Ortsbewegungen; vier Elemente.

Meteoriten kamen demnach von der irdischen Sphäre und nicht von außerhalb. Daher auch der Name, nahe an "Meteorologie" = Lehre von den Wolken.

Himmlische Sphäre: oberhalb des Mondes (supralunar); charakterisiert durch Veränderungslosigkeit und die perfekte, in sich geschlossene Kreisbewegung; fünftes Element.

Feuer, Wasser, Erde, Luft können sich auf verschiedenen Weisen bewegen. Dagegen in der himmlische Sphäre gibt es nur den Äther. Dieses hat etwas Göttliches. Nur perfekte Kreisbewegungen möglich.
  Die Kosmologie des Aristoteles / dieses Weltbild hat sich ca. 1800 Jahre gehalten, weil sie sehr gut mit den Phänomenen in Einklang war. Kompatibilität zur christlichen Theologie war natürlich eine Voraussetzung.

Romantische Naturphilosophie

Vor allem F. W. J. Schelling (1775-1845)

Ziel: statt blinder ideenloser Art der Naturforschung / Verderb der Physik durch Newton und Boyle ist das Ziel eine "höhere Erkenntnis der Natur"

Hat den Begriff "Naturphilosophie" in Verruf gebracht.
  Massive Wissenschaftskritik

Vorstellung einer Einheit von Geist und Natur.

Natur als Ganzheit verstehen, als beseelten Organismus konzipieren.

Diese Position ist uns heute wegen der stark spekulativen Elemente fern der Naturwissenschaften ziemlich fremd.

Hatte damals durchaus Anhänger (auch Goethe), aber scharfe Gegnerschaft bei vielen Naturwissenschaftlern im 19. Jh.

Die Vorstellung des beseelten Organismus hat Tradition. So gingen esoterische Bewegungen der 1970er Jahre von der Gaia-Hypothese aus, wonach die Erde wie ein Lebewesen zu betrachten sei.


9. Vorlesung

Moderne Naturphilosophie

Seit den 1980er Jahren von Fachphilosophen systematisch betrieben. Davor von einzelnen philosophierenden Naturwissenschaftlern und Philosophen. Z.B. Albert Einstein (1879-1955), Nils Bohr (1885-1962), Hermann Weyl (1885-1955), Hans Reichenbach (1891-1953)

Ziel: Gesamtdarstellung der Natur auf Basis der Naturwissenschaften
  "Wie sähe die Welt aus, wenn die besten naturwissenschaftlichen Theorien wahr wären?"

Die Frage nach dem epistemischen Status naturwissenschaftlicher Theorien, ob also die "besten" naturwissenschaftlichen Theorien wahr sind, ist nicht Gegenstand der Naturphilosophie sondern eher der Wissenschaftstheorie.
  Die philosophische Disziplin der modernen Naturphilosophie ist demnach stark (natur-)wissenschaftsabhängig.

Dabei werden auch viele traditionelle philosophische Fragestellungen aufgenommen (die zu ihrer Zeit mit Bezug auf die damaligen Naturwissenschaften beantwortet wurden).

Beispiele von Fragestellungen:

Erkenntnistheorie

Erste Umschreibung: die allgemeine Untersuchung von Erkenntnis, besonders hinsichtlich der zentralen Begriffe und hinsichtlich ihres Begründetseins.

Dabei ist der Erkenntnisbegriff weit gefasst. Erkenntnis ist also nicht notwendig auf die Spezifika wissenschaftlicher Erkenntnis bezogen.

Für die spezifische wissenschaftliche Erkenntnis ist seit dem 20. Jh. eher die theoretische Wissenschaftsphilosophie = Wissenschaftstheorie zuständig.

Kontrast zwischen Metaphysik und Erkenntnistheorie: Was ist [die Natur von] X vs. Wie erkenne ich X?

Metafrage: Was muss ich zuerst machen? Erkenntnistheorie oder Metaphysik? Der mögliche Vorrang einer der beiden Disziplinen vor der anderen ist unklar. Eine Position ist: ich muss etwas erkennen, bevor ich etwas über sein Wesen sagen kann. Dann hätten wir das Primat der Erkenntnistheorie. Andererseits kann ich nach dem Wesen einer Sache fragen, bevor ich feststellen kann, was von dieser Sache überhaupt erkennbar ist. Dann hätten wir das Primat der Metaphysik.

Historisches zur Erkenntnistheorie

Der Sache nach sind erkenntnistheoretische Fragen von jeher Teil der Philosophie.

Der Terminus "Erkenntnistheorie" ist vergleichsweise jung und wurde erst in der 1. Hälfte des 19. Jh. geprägt.

Historischer Kontext: Aufbegehren der (immer erfolgreicher werdenden) Naturwissenschaften gegen die (spekulative) Naturphilosophie des Deutschen Idealismus.

Konkurrenzverhältnis, insbes. in Deutschland. Philosophie war wichtig an den Universitäten. Naturwissenschaften eher am Rand. Rasante Entwicklung der neu Hinzukommenden in der 1. Hälfte des 19. Jh.

Das Klischee aus Sicht der Naturwissenschaften war, dass die spekulative Naturphilosophie (Schelling und Hegel) Aussagen mache, die man eigentlich mittels Beobachtung und Experiment entscheiden müsse.

Gegen die Naturphilosophie: Entstehung eines (kruden) naturwissenschaftlichen Materialismus.

Es gibt keinen Geist nur Materie. Die Materie hat bestimmte Eigenschaften. Die Naturwissenschaftler untersuchen diese Eigenschaften.
  Zurückdrängung des Vitalismus, wonach die organische Materie von anderer Sorte ist als die nicht-organische. Vereinigung von grundlegenden Aspekten von organischer und anorganischer Chemie.
  Breiter Strom von Reduktionismus. Etablierung von Medizin als Naturwissenschaft. Großer Einfluss der Naturwissenschaften insgesamt.

Ein periodisch immer wieder auftretender Vorgang: Naturwissenschaftler wehren sich gegen die "idealistischen" Zumutungen der Philosophie.

Philosophische Gegenbewegung zum Materialismus: Neukantianismus - Slogan "Zurück zu Kant".

Diese Bewegung setzte nach Hegels Tod ein. Daraus hervorgegangen Bewegung hin zu Husserl und Heidegger. Grundidee: wir lassen uns von Kant inspirieren, lassen aber den deutschen Idealismus beiseite. Dadurch bekam der deutsche Idealismus einschließlich Naturphilosophie ein negatives Image innerhalb der Philosophie.

Programm: Kritische Prüfung der Erkenntnis, insbesondere der wissenschaftlichen Erkenntnis.

Grundbegriffe der Erkenntnistheorie

Wissen

Traditionelle Bestimmung (der frühe Plato): Wissen ist wahre, gerechtfertigte Meinung (Überzeugung; justified true belief").

Beispiel: Die Erde ist (annähernd) eine Kugel.

Dies führt sofort zu weiteren philosophischen Fragen:

Eine neue Diskussion über die Angemessenheit der traditionellen Bestimmung von Wissen wurde angestoßen durch den Aufsatz von Edmund Gettier (geb. 1927) "Is Justified True Belief Knowledge?", Analysis 23:121-123 (1963).

Beispiel:

A hat eine normalerweise zuverlässige Uhr. Dennoch bleibt sie eines Tages morgens um 8 Uhr stehen, was A nicht bemerkt. Abends [zufällig genau] um 8 Uhr sieht A auf die Uhr und sagt: Es ist 8 Uhr.

Dies ist die Meinung von A. Diese Meinung ist wahr und sie ist durch die Qualität der Uhr gerechtfertigt. Es handelt sich also um eine Meinung, die wahr und begründet ist.

Handelt es sich aber dabei um Wissen? Anscheinend nicht, denn fünf Minuten später hätte genau die gleiche Meinungsbildung von A zu einer unwahren Behauptung geführt.

Dass As Behauptung wahr ist, ist ein (zeitlich bedingter) Zufall. Von Wissen verlangen wir mehr. A hat nur "epistemisches Glück". Die gegebene Rechtfertigung und der eingelöste Wahrheitsanspruch haben keinen Zusammenhang.

Fazit: Bei Wissen sollte die gegebene Rechtfertigung eine tatsächlich tragende Rechtfertigung für die vorhandene Wahrheit sein.

Bemerkung: Das gegebene Beispiel ist nach wie vor in der Diskussion. Adrian Heathcote "Gettier and the stopped clock", Analysis: electronic publication Feb 22 2012.

Rechtfertigungen haben grundsätzlich einen pragmatischen Rahmen. Sie kommen selten zu einem "absoluten" Ende. Wenn ich auf die zuverlässige Uhr schaue, und die Uhrzeit ablese, reicht dies normalerweise für eine gute Rechtfertigung. Dass die Uhr stehengeblieben sein könnte oder andere Umstände, erwähnen wir bei unserer Begründung im Normalfall nicht.

Wahrheit

Traditionell: Übereinstimmung des Gedankens (der Meinung, der Erkenntnis, des Glaubens, der Überzeugung) mit dem einschlägigen Sachverhalt/Gegenstand. Kurz: Übereinstimmung des Denkens mit der Sache.

Geht auf Aristoteles zurück; Adäquationstheorie oder Korrespondenztheorie der Wahrheit.

Klassische Formel von Thomas von Aquin (1225-1274): "Veritas consistit in adaequatione intellectus et rei." = "Wahrheit besteht in der Übereinstimmung von Denken und Sache."

Wahrheit ist in dieser Sicht ein nicht-epistemischer Begriff, d.h. er bezeichnet eine Relation, die nicht von unserem Wissen abhängt (episteme = Wissen). Die Übereinstimmung besteht oder besteht nicht, ganz unabhängig davon, ob sie gewusst wird oder nicht.

Wenn ich z.B. sage, es gibt in dieser Welt 109 Esel, habe die Esel aber nie gezählt, dann ist dieser Satz wahr oder falsch, ganz unabhängig von meinem Wissen.

Wesentlicher Unterschied: "x wird für wahr gehalten (als wahr geglaubt)" vs. "x ist wahr": ersteres ist epistemisch, letzteres nicht.

Beispiel "Es gibt unendlich viele Primzahlzwillinge." ist - Stand 2019 - ein ungelöstes mathematisches Problem. Niemand weiß also, ob der Satz wahr oder falsch ist. Aber dass er entweder wahr oder falsch ist, ist sicher. Hier hat Wahrheit (richtigerweise) nichts mit Wissenszuständen zu tun.


10. Vorlesung

Probleme der Korrespondenztheorie:

Zusammenfassung der problematischen Situation:
1. Wahrheit ist Übereinstimmung
2. Feststellung der Wahrheit bedeutet daher Feststellung der Übereinstimmung
3. Feststellung der Übereinstimmung setzt unseren Zugriff auf den Gegenstand voraus
4. Übereinstimmung sollte mit dem Gegenstand selbst bestehen, nicht mit dem Gegenstand, wie er sich unserem Zugriff [auf ihn] präsentiert

Mögliche Auswege

  1. Es gibt keine Wahrheit. Skeptizismus. Wahrheitsbegriff gänzlich aufgegeben.
    Der Skeptizismus ist heute weit verbreitet. Ist eine antike Position. Skeptizismus und Relativismus sind relevante Themen in der Forschung.
  2. Ersetze obigen Wahrheitsbegriff durch einen epistemischen Wahrheitsbegriff. Rückführung von "wahr" auf "(optimal) gerechtfertigt".
    Wahrheit unabhängig von unserem Wissen ist ein schöner Traum, aber nicht realisierbar. Dagegen: Wahrheit = optimal gerechtfertigter Wissensanspruch.
    Was aber ist mit dem Satz von den Primzahlzwillingen? Ist dieser nicht entweder wahr oder falsch? Per se ist das nicht klar, sein Wahrheitswert könnte ja auch irgendwie "unbestimmt" sein. Wir brauchen schon einiges an mathematischer Theorie, um sicher zu sein, dass er entweder wahr oder falsch ist. Und das wäre dann ein wahrer Satz, eben optimal gerechtfertigt. Würde schon gehen.
      Und wie steht es mit "normalen" mathematischen Sätzen? Ist der Satz des Pythagoras in der ebenen euklidischen Geometrie nicht für immer wahr, ganz unabhängig davon, ob ein Schüler weiß oder gar nur glaubt, dass er wahr ist? Auch hier liegt halt eine besonders gut gerechtfertigter Wahrheitsanspruch vor, wie bei allen ordentlich bewiesenen mathematischen Sätzen.
    Epistemischer Wahrheitsbegriff: Bestehen von Wahrheit hängt von unserem Wissenszustand ab.
    Ich muss halt immer dazu sagen, was ich getan habe, um den Wahrheitsanspruch optimal zu rechtfertigen.
    Beispiel für eine solche Wahrheitsdefinition: Ein Wahrheitsanspruch ist genau dann gerechtfertigt, wenn über ihn ein im Prinzip unbegrenzter, vernünftiger Konsens hergestellt werden kann.
    Hier stellt sich die Frage der Praktikabilität. Es müssen ja alle Vernünftigen zustimmen. Auch die Leute in 1000 Jahren. Hier haben wir auch wieder Fantasie eingebaut in unsere Definition.
  3. Unterscheide Wahrheitsdefinition von Wahrheitskriterien.
    • Wahrheitsdefinition der Korrespondenztheorie beibehalten (obwohl nicht umsetzbar).
      Wahrheit bleibt die Übereinstimmung des Denkens mit der Sache. Das ist die Idee des Wahrheitsbegriffs, die geben wir hier nicht auf. Weicht man davon ab, redet man gar nicht mehr von Wahrheit.
        Statt von Wahrheitsdefinition sprich besser von Wahrheitsverständnis.
    • Angabe von Wahrheitskriterien (besser Wahrheitsindikatoren). Damit formulieren und begründen wir die besten menschenmöglichen Indikatoren für das Vorliegen von Wahrheit.
      Die Indikatoren sagen nicht endgültig, dass es sich um Wahrheit handelt oder nicht. Das können wir nicht, denn das wäre das Feststellen der Übereinstimmung, was nicht geht, wegen dem Zugriffs aufs Objekt.
      Beispiele für Indikatoren: Stützung durch Beobachtung, Kohärenz mit anderen akzeptierten Aussagen, praktische Anwendbarkeit.
      Das ist ein sehr pragmatisches Verfahren. "Da draußen steht ein Baum" ist ein wahrer Satz, denn ich halluziniere nicht; ich kann andere fragen, ob sie auch den Baum sehen; in dieser Gegend gibt es zu unserer Zeit viele Bäume; etc.
      Wahrheitskriterien können das Vorliegen von Wahrheit nicht garantieren; sie leiten lediglich unsere Schätzungen an, ob Wahrheit vorliegt (daher besser Wahrheitsindikatoren).

Objektivität

Oft: "objektiv" = "unparteilich" (z.B. in der Berichtserstattung). Das ist aber ungenügend, weil nur negativ bestimmt. Eher: Offensichtlicher Gegenbegriff von "objektiv" ist "subjektiv".

Gehört in folgenden Zusammenhang S - O

Subjekt richtet sich auf Objekt in der Absicht, es zu erkennen.

Wovon ist die Erkenntnis E, die S über O gewinnt, abhängig? Wovon wird E bestimmt, wenn E objektiv ist?

Wenn E objektive Erkenntnis von O ist, dann ist E allein von O bestimmt.

Z.B. E besagt: O hat die Eigenschaften A und B.
Wenn O wirklich die Eigenschaften A und B hat, dann ist E tatsächlich von O bestimmt. Die Erkenntnis, dass O die Eigenschaften A und B hat, ist objektiv.

Also: objektiv = vom Objekt her bestimmt.

Wenn dagegen S behautet, ein weißes O sei blau, weil S eine Brille mit blauen Gläsern trägt, dann ist die Behauptung nicht objektiv (nicht allein vom Objekt her bestimmt), sondern subjektiv, d.h. vom Subjekt her bestimmt.

E enthält dann auch Anteile, die vom Subjekt herkommen ("originär subjektseitige" Anteile).

Von daher rührt im Kontext der Frage nach Erkenntnis die negative Bedeutungskonnotation von "subjektiv" und die positive von "objektiv".

Das ist eigentlich im Begriff der Erkenntnis bereits enthalten. "Subjektive Erkenntnis" ist kein sinnvoller Ausdruck.

Typischer Gegensatz: subjektive Meinung vs. objektive Erkenntnis

"subjektive Meinung" erhält vom Subjekt stammende Anteile ("originär subjektseitige Anteile") und ist nicht allein vom Objekt her bestimmt.

Ist diese Vorstellung von Objektivität realisierbar? Die Entscheidung, ob etwas originär objektseitig ist, kann schwierig sein:

1. Beispiel: Kant, Raum: anscheinend rein objektseitig. Nach Kant aber eine reine Anschauung, d.h. originär rein subjektseitig.

2. Beispiel: Farben: Nach gängiger Meinung Mischung von originär objektseitig und originär subjektseitigen Elementen ("sekundäre Qualitäten").

Resultat: Die richtige Zuweisung von Phänomenen / Eigenschaften zur Objekt- bzw. Subjektseite ist manchmal problematisch.

Die Phänomene selbst täuschen uns manchmal hinsichtlich ihrer originären Lokalisation.

Alltagsverständnis meist: Was als objektseitig erscheint, wird als objektseitig genommen.

Realistische Position: Verteidigen des Alltagsverständnis: Die Welt ist (objektiv) so, wie sie uns erscheint (Sinnestäuschungen, Perspektive etc. abgezogen)

Intersubjektivität

Nachweis der Objektivität einer Erkenntnis stößt auf das Problem, dass ich einen nachweislich von originär subjektseitigen Elementen freien Zugriff auf das Objekt brauche.

Wie kann ich als einzelnes Subjekt nachweisen, dass meine Erkenntnis von O, also die sich in meinem Besitz befindliche, von mir erworbene und von mir überprüfte Erkenntnis wirklich frei von subjektseitigen Anteilen ist, also Beiträgen von mir?

Wenn ich das nicht kann, dann kann ich behelfsweise meine Erkenntnis von O mit der anderer Subjekte vergleichen.

Offenbar ist Intersubjektivität ein Wahrheitskriterium.

Beispiel: ein Stück Käse

Genese vs. Geltung

Unterscheidung taucht mit verschiedenen Namen (und min leicht inhaltlichen Variationen) auf:

Es geht um folgenden Unterschied:

Beispiel: Ringstruktur des Benzolmoleküls

Benzol bestehend aus 6 Kohlenstoffatomen. Das Benzolmolekül war das erste organische Molekül, dessen Ringstruktur gefunden worden ist.

Entdeckungsumstände sind irrelevant für die Rechtfertigung.

Unterscheidung hatte bei Reichenbach (1938) eine politische Dimension: war gegen "jüdische" bzw. "deutsche" Physik gerichtet. "Jüdische" Physik vor allem vertreten durch Albert Einstein. "Deutsche" Physik vor allem vertreten durch Johannes Stark und Philip Lenard.

Reichenbach war vor dem Nationalsozialismus geflohen. Hetze "deutscher" Physiker gegen "jüdische" Physiker. Stark und Lenard argumentierten so, die "jüdische" Physik sei schlecht, weil vom Juden Einstein stammend. Hier wurden Entdeckungsumstände für die Richtigkeit bzw. Falschheit der Entdeckung angesehen und insofern mit den Gründen für die Rechtfertigung verwechsel.

Oft werden Entdeckungsumstände als relevant für Richtigkeit bzw. Falschheit angesehen. Dagegen ist die Unterscheidung von Genese und Geltung gerichtet.

Ist es nicht so, dass manchmal das Wissen um die Genese eines Wahrheitsanspruches relevant ist für die Auswertung des Wahrheitsanspruches selbst, also für die Geltung? Historisch hatte die Unterscheidung Genese vs. Geltung eine Abgrenzungsfunktion mit der Zielsetzung, Rechtfertigungsfragen für die Philosophie zu reservieren. Die Entdeckungsumstände gehören in andere Disziplinen wie Psychologie oder Soziologie.
  Fehlen wesentliche Argumente im Rechtfertigungszusammenhang, dann bleibt es bei Wetten. Und hier können Interessen im Spiel sein. Beispiel: Schätzung von Demonstrationszahlen. Gewerkschaften schätzen und Arbeitgeber schätzen. Diese Schätzungen liegen typischerweise Faktor 2 auseinander.
  Viele Autoren heute lehnen die Unterscheidung Genese vs. Geltung ab, weil es die historische Dimension von Wissenschaft ausblendet.

Analytisch vs. synthetisch

Unterscheidung von Kant klar eingeführt; seither z.T. kritisch diskutiert.

Unterscheidung ist bezogen auf Aussagen (Kant: "Urteile")

Einfachste Form der Aussage: A ist B, A heißt "Subjektbegriff", B heißt "Prädikatsbegriff".

Analytisch/synthetisch-Unterscheidung bezieht sich auf ein bestimmtes Verhältnis von Subjektbegriff zum Prädikatsbegriff.

Beispiel 1: "Junggesellen sind unverheiratet."

Ist eine "analytische" Aussage. Der Prädikatsbegriff ist im Subjektbegriff "enthalten". Die Analyse des Subjektbegriffs bringt dieses "Enthaltensein" zum Vorschein: Junggesellen sind unverheiratete, volljährige, nicht verwitwete Männer.

Wahre analytische Aussagen sind "aus begrifflichen Gründen" wahr.

Beispiel 2: "Die Lichtgeschwindigkeit (im Vakuum) beträgt ca. 300 000 km/s."

Dies ist eine "synthetische" Aussage.

Der Prädikatsbegriff kommt zum Subjektbegriff als etwas Neues hinzu. Die Aussage ist eine Synthese (= Zusammenfügung) der beiden Begriffe.

Die Lichtgeschwindigkeit könnte auch variabel sein. Oder sie könnte 100 000 km/s betragen.

Kritik an der analytisch-synthetisch-Unterscheidung betrifft meist die Vorstellung, dass alle Behauptungen entweder analytisch oder synthetisch seien.

Beispiel 3: "Alle Hunde sind behaart"

Ist diese Aussage analytisch? Das hängt davon ab, ob das Behaartsein ein Teil des Begriffs "Hund" ist oder nicht. Schwer zu entscheiden.

Der Einwand, es gäbe auch nackte Hunde, trifft nicht, denn dann ist die Aussage schlicht falsch. Ansonsten fragt man sich, wie man die Frage überhaupt entscheiden soll. Ist das Behaartsein Teil des Begriffes "Hund" oder ist es das nicht?

Diese Kritik wird oft so vorgebracht, dass die analytisch-synthetisch-Unterscheidung selbst nicht machbar / kritikwürdig / unklar ist.

Dies verwechselt aber: (a) die (fehlende) Klarheit der Unterscheidung selbst mit (b) die (fehlende) Klarheit bei der Anwendung der Unterscheidung auf konkrete Fälle.

Es kann ja auch sein, dass die Unterscheidung selbst klar ist, nur dass ihre Anwendung oft nicht möglich ist.

Die Unterscheidung ist also selbst klar, aber beschränkt in ihrem Anwendungsbereich.

Grund liegt darin: Empirische Begriffe sind nicht von der Art, dass klar ist, welche Merkmale zum Begriff selbst gehören und welche nicht (siehe Sprachphilosophie).

Dies widerspricht der philosophischen Tradition seit Sokrates bis Mitte des 20. Jh.: Begriffsbedeutungen können mittels notwendigen und hinreichenden Bedingungen für ihre Anwendung explizit gemacht werden (Wittgenstein).

Vorstellung war: Begriffe, die klar sind, haben auch eine Definition. Wenn klar ist, was ein Begriff bedeutet, dann ist es möglich, den Begriff in eine Definition zu gießen. Seit Wittgenstein klar geworden, dass Begriffe nicht von der Art sind, dass man ihre Bedeutung in immer eine Definition gießen kann. Begriffe können klar sein, ohne dass man eine Definition angeben kann.
  Das macht die Unterscheidung analytisch vs. synthetisch nicht unklar. Es ist nur so, dass ich eben nicht alle Aussagen der Form "A ist B" auch sauber eingruppieren kann, ob sie analytisch oder synthetisch sind.
  Das gilt für natürliche Sprachen. Bei künstlichen Sprachen sieht das anders aus. So werden in der Mathematik (bis auf einige wenige Grundbegriffe) alle Begriffe explizit eingeführt. Dann kann immer sortiert werden nach Merkmalen, die in der Definition genannt worden oder nicht. Allerdings verliert damit die Unterscheidung ihren Witz.

A priori vs. a posteriori

Diese Unterscheidung bezieht sich auf die Weise der Rechtfertigung (der Wahrheit bzw. Falschheit) von Aussagen.

A priori: Rechtfertigung einer Aussage ist möglich ohne Beizug von Erfahrung (also ohne Beobachtung, "empirische Daten" etc.).

Beispiel: Die Winkelsumme im Dreieck beträgt 180 Grad.

Rechtfertigung der Aussage durch Beweis (nicht durch Messung von Dreiecken).

A posteriori: Rechtfertigung einer Aussage durch Erfahrung.

Beispiel: Die Umlaufszeit des Mondes um die Erde beträgt ca. 28 Tage.

Kombination analytisch/synthetisch mit a priori/a posteriori

  analytisch synthetisch
a priori ja kontrovers
a posteriori nicht sinnvoll ja

Analytische Aussagen werden a priori gerechtfertigt. Beispiel: Junggesellen sind unverheiratet.
  Synthetische Aussagen werden a posteriori gerechtfertigt. Beispiel: Messung der Lichtgeschwindigkeit.
  Die Untersuchung analytischer Aussage a posteriori ist nicht sinnvoll. Beispiel: empirische Untersuchung, ob Junggesellen unverheiratet sind, wäre sinnlos. Andererseits kann man empirisch vorgehen, wenn man einen mathematischen Beweis finden will. Das wäre wohl eher ein Fall für die Genese von Erkenntnis und nicht für die Geltung, was wir hier ja suchen.
  Kant war der Meinung, dass ein sinnvolle Metaphysik, synthetisch es Aussagen a priori enthalten muss. Wäre sie nur analytisch, dann nur Begriffsanalyse (rationalistischer Ansatz). Wäre sie a posteriori, dann wäre die Metaphysik eine Erfahrungswissenschaft (empiristischer Ansatz). Berühmte Fragestellung "Wie sind synthetische Urteile a priori möglich?" Das würde heißen, dass man Begriffe zusammenschließen kann und zu einer Aussage kommen kann, die a priori, also ohne Bezug auf die Erfahrung, begründbar ist.
  Gibt es synthetische Aussagen, die a priori begründbar sind? Das ist eine kontroverse Frage. Die harten Empiristen sagen nein. Denn die Rechtfertigung über synthetische Aussagen, die also Aussagen über die Welt darstellen, sind nur mit Hilfe der Erfahrung, also a posteriori begründbar. Man kann auf diese Weise den Empiristen definieren: Ein Empirist ist einer, der leugnet, dass synthetische Aussagen a priori möglich sind.

Skeptizismus vs. Dogmatismus

Skeptizismus ist eine seit der Antike kontrovers diskutierte Position der Erkenntnistheorie. Es gibt verschiedenen Varianten des Skeptizismus.

Grundsätzliche Stellungnahme: Zweifel an der Möglichkeit des Wissens bzw. Behauptung der Unmöglichkeit des Wissens über die Welt.

Zumindest: Ich zweifle massiv daran, dass deine Wissensbehauptung einlösbar ist und du kannst mich von diesen Zweifeln nicht heilen.

Skeptizismus wird auf unterschiedliche Weise begründet, z.B.:

Jede Position, die den Skeptizismus leugnet, wird von den Skeptikern (abschätzig) "Dogmatismus" genannt.

Die Bedeutung der Bezeichnung "Dogmatismus" hängt immer davon ab, wer es gerade sagt.

Relativismus vs. Universalismus

Häufig wird Relativismus mit Skeptizismus gleichgesetzt. Das ist i.a. aber nicht korrekt, obwohl man auch hierüber streiten kann.

Relativismus ist eine ebenfalls seit der Antike diskutierte Position. Es gibt viele Unterpositionen, je nachdem worauf sich der Relativismus bezieht (Erkenntnis, Wahrheit, Werte, Bedeutungen etc.).

Die Nachdenklichkeit über Erkenntnis, zeichnet die griechische Philosophie aus.

Der erkenntnistheoretische Relativismus leugnet nicht die Möglichkeit der Erkenntnis, sondern sagt, dass jede Erkenntnis nur relativ zu bestimmten Bedingungen gilt.

Kann abwertend verstanden werden, ist hier aber zunächst nicht abwertend gemeint.

Mögliche solcher Bedingungen sind: die jeweilige Kultur, die jeweilige Zeit, die gesellschaftliche Klasse, das Geschlecht etc.

Relativ zur Kultur: Was in einer Kultur eine Erkenntnis ist, ist in der anderen Kultur eventuell keine Erkenntnis oder ggf. gar nicht verständlich.
  Relativ zur jeweiligen Zeit: Alle Erkenntnis trägt die Signatur ihrer Zeit.
  Relativ zur gesellschaftlichen Klasse: Position im Marxismus-Leninismus, dass die Erkenntnis immer vom Klassenstandpunkt abhängig. Bürgerliche Wissenschaften / Erkenntnis besitzt den "falschen" Klassenstandpunkt. Während die Arbeiterklasse den "richtigen" Klassenstandpunkt einnimmt. Das überträgt sich auf Falschheit und Richtigkeit der jeweiligen Erkenntnis. Relativ zum Geschlecht: Sind die Erkenntnis der neuzeitlichen Physik primär maskuline Erkenntnisse, also nicht geschlechtsneutral? Würden Frauen Physik betreiben, würden sie ggf. eine andere Physik betreiben (→ Feministische Wissenschafts- und Erkenntnistheorie). Das kann plausibel sein, wenn man davon ausgeht, dass die neuzeitliche Wissenschaft überwiegend von Männern produziert wurde. Möglicherweise hat also die Spezifik der Männer diese Wissenschaft geprägt. Die Frage scheint also berechtigt. Wenn man aber behauptet, dass die Newtonsche klassische Physik als Gender-Merkmal das Maskuline hat, dann muss man das nachweisen. Also was ist das Maskuline und in welcher Weise steckt das in dieser Wissenschaft drin?

Gegenposition: Universalismus: es gibt von solchen Bedingungen unabhängige Erkenntnis, die für jeden [und für alle Zeiten] gilt.

Die meisten Mathematiker sind erkenntnistheoretische Universalisten bezüglich Mathematik. Die Theoreme folgen aus den Axiomen unabhängig von irgend etwas anderem.


11. Vorlesung

Sprachphilosophie

Erste Umschreibung: Beschäftigt sich mit Fragen wie:

Historisches zur Sprachphilosophie

Wesentlicher Schnitt in der Geschichte der Sprachphilosophie mit Gottlob Frege (1848-1925; Mathematiker und Logiker).

Dieser Schnitt ist der gleiche wie in der Logik

Viele Philosophen der analytischen Richtung sehen die Sprachphilosophie nach Frege als die einzige heute zu praktizierende Sprachphilosophie an (analog zur Logik).

Beispiel: Albert Newen und Markus A. Schrenk, Einführung in die Sprachphilosophie, 2008.

Gegengift hierzu, z.B. Kuno Lorenz, "Sprachphilosophie", 1996. In: "Enzykclopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie", Band 4, herausgegeben von Jürgen Mittelstraß.

Aus Zeitgründen hier nur exemplarische Behandlung zweier Teilfragen:

  1. Abhängigkeit des Denkens von der konkreten Sprache
  2. Wie bestimmt man Begriffe?

1. Abhängigkeit des Denkens von der konkreten Sprache

Exemplarische: Sprachabhängigkeit philosophischer Fragen

Betrachte folgende Sätze:
Ich weiß, dass Paris in Frankreich liegt.
Ich kenne Peter.
Ich kann Fahrrad fahren.

Es besteht kein offensichtliches philosophisches Problem bzgl. des Zusammenhangs dieser Aussagen (allenfalls das "Ich"). Erwähnt werden drei verschiedenen Kompetenzen des "Ich": wissen, kennen, können.

Vergleiche nun die gleichen Aussagen auf englisch:
I know that Paris is in France.
I know Peter.
I know how to ride a bicycle.

Englisch stellen sich die drei Beispiele als Beispiele von "knowing" dar:
knowing that; knowing X [Peter]; knowing how

Hier stellt sich die Frage nach der Einheit der Beispiele.
Weil es ein einheitliches "I" und ein einheitliches "to know" ist. Im Vergleich zu den deutschen Sätzen ist nichts kategorisch verschieden, aber es ist einfach naheliegend, beim englischen Beispiel andere Fragen zu stellen als man sie beim deutschen Beispiel stellen würde.

Konsequenz: "to know" und "knowledge" können nicht einfach mit "wissen" und "Wissen" übersetzt werden.

Deutsche die Erkenntnis betreffende Begriffe wie
Wissen, Kenntnis, Erkenntnis, Glauben, Überzeugung etc.
lassen sich nicht 1:1 in englische direkt korrespondierende Begriffe übersetzen:
Knowledge, cognition [Erkenntnis, aber fragwürdig], belief [Glauben, Überzeugung], faith [eher religiöser Glauben], familiarity(?) [Kenntnis von etwas, hat nichts mit cognition zu tun], persuation [Überzeugung, nicht Aussagen gemeint] etc.

Sprachabhängigkeit betrifft auch den Disziplinenname:
Englisch: epistemology = theory of knowlede

Die "theory of knowledge" beginnt natürlicherweise mit dem Begriff "knowledge" und fährt oft mit Statements wie "knowledge is justified true belief" fort.

Dagegen im Deutschen: Erkenntnistheorie (neuerdings "Epistemologie")
Beginnt natürlicherweise mit dem Begriff "Erkenntnis". "Erkenntnis" unterscheidet sich aber sowohl von "Wissen" als auch von "knowledge"

"Erkenntnistheorie" würde vom Wort her daher eher den Vollzugsaspekt der Erkenntnisgewinnung thematisieren; tut sie aber meist nicht. Thema ist überwiegend die Rechtfertigung von Wissensansprüchen.

Die "Erkenntnistheorie" ist also nicht ganz glücklich benannt. Das deutsche Wort "Erkenntnis" kann auch das Resultat meinen: Erkenntnisprozess vs. Resultat von Erkenntnis.

2. Wie bestimmt man Begriffe?

  1. Definitionen
  2. Definitionsverweigerung
  3. Zwei-Stufen Konzeption
  4. Familienähnlichkeiten
  5. Paradigmentheorie
  6. Prototypentheorie

1. Definitionen

Die "weitherum" angenommene Wichtigkeit von Definitionen zur Begriffsbestimmung geht auf den platonischen Sokrates zurück.

Definitionen sind demnach das eigentliche Mittel - die meisten würden sogar sagen, das einzige Mittel - der Begriffsbestimmung.

Wer einen Begriff intellektuell verantwortlich verwenden will, sollte in der Lage sein, seine Definition anzugeben.

Griechisches Erbe. Solch eine Forderung ist auch im Alltag bekannt.

Das setzt voraus, dass Bedeutungen von Begriffen etwas sind, das mittels Definitionen explizit gemacht werden kann.

Nochmals mit anderen Worten - bei dieser Art von Definition wird folgende Voraussetzung gemacht: Die Bedeutung eines Begriffes ist etwas, was in der Lage ist, in eine Definition gegossen werden zu können. Das ist eine stillschweigende These.

Es gibt eine weit entwickelte Definitionslehre, die viele Arten von Definitionen unterscheidet.

Wir betrachten hier nur zwei Arten von Definitionen: stipulative und analytische Definitionen

Stipulative / synthetische Definition

Eine stipulative (oder synthetische) Definition ist die Schaffung eines neuen Begriffs (durch "Synthese").

Beispiel: Jemand führt in der Mathematik ein neues mathematisches Objekt ein und nennt es eine "Abelsche Gruppe".

Solche Definitionen sind "willkürliche" Konventionen (Festsetzungen), um eine lange Charakterisierung abzukürzen.

Stipulative Definitionen sind weder wahr noch falsch, sondern zweckmäßig oder unzweckmäßig.

In den meisten praktischen Fällen sind wir nicht an stipulativen Definitionen von neuen Begriffen, sondern an klärenden Definitionen für in Gebrach befindlichen Begriffen interessiert.

Analytische Definition

Analytische oder beschreibende oder lexikalische Definition: Analyse eines in Gebrauch befindlichen Begriffs: Angabe seiner Merkmale, die einzeln notwendig und miteinander hinreichend für das Zutreffen des Begriffs sind.

Das ist eine ziemlich scharfe Forderung. Jedes der genannten Merkmale muss dem Begriff notwendig zukommen. Und alle Merkmale zusammen müssen hinreichend für die Begriffsbestimmung sein.
Beispiel: der Mensch ist ein Tier (notwendig aber nicht hinreichend).

Beispiel: "Junggeselle": unverheirateter, nicht verwitweter, volljähriger (meint: heiratsfähiger) Mann.

Analytische Definitionen haben eine Klärungsfunktion bezüglich eines bestehenden Sprachgebrauchs.

Leibniz wollte eine characteristica universalis = eine Universalsprache schaffen, in der u.a. sämtliche philosophische Fragen artikuliert werden können. Hierzu analysiert man alle Begriffe, kommt dann auf Grundmerkmale, die ihrerseits keine Definition brauchen. Aus den zu diesen Grundmerkmalen lässt sich die Universalsprache aufbauen, indem man aus dem Merkmalskatalog alle Begriffe zusammensetzen kann. Dieses Verfahren (hier vereinfacht) wird verwendet zum Aufbau von Expertensystemen etwa zum maschinellen Umgang mit Wissensbeständen.

Analytische Definitionen sind nicht wirklich wahr oder falsch, sondern (sprachlich) angemessen oder unangemessen.

Problem 1: Lassen sich für alle (einigermaßen klare) Begriffe Definition angeben?

Sind Bedeutungen von Begriffen etwas, das ihrer Natur nach in Definitionen fassbar sind?

Beispiel "Spiel" von Ludwig Wittgenstein
Gibt es Merkmale, die allen Spielen (notwendig) nur ihnen zukommen (zusammen hinreichend)?
Antwort: Nein [Argumentation folgt]
Dementsprechend gibt es keine Definition von "Spiel", obwohl der Begriff eigentlich klar erscheint.

Problem 2: Nehmen wir an, wir hätten eine Reihe von Merkmalen eines Begriffs gefunden.

Beispiel "Ente": Schnabelform, Halslänge, Fußform, Federnart, Lauf- und Schwimmweise, Körperproportionen, etc.

Welche dieser Merkmale gehören dem Begriff "Ente" kraft Definition an und welche sind bloß empirisch herausgefundene Eigenschaften von Enten?

Klassisches Beispiel: Mensch als ...

Welche Merkmale gehören zur Definition von "Mensch"?
Wie könnte man das entscheiden?
Verschiedene Sprachbenutzer können sogar unterschiedliche Merkmale zur Identifikation von Beispielfällen eines Begriffs benutzen.

Beispiel: Hänschens Problem mit Adam und Eva auf einem Bild
Wer ist Adam und wer ist Eva? Weiß ich nicht, die haben ja keine Kleider an. Hänschen kann in allen Normalsituationen Männer und Frauen zu unterscheiden. Sobald man empirisch hinschaut, stellt man fest, dass unterschiedliche Leute unterschiedliche Kriterien verwenden für die Identifikation eines Begriffs. Es ist also unbeantwortbar, welche Merkmale definitorisch sind.
&emsp Wollen wir dagegen ein Computerprogramm bauen wollen, das in der Lage sein muss, Objekte zu identifizieren, nehmen wir einfach eine lange Liste von Merkmalen. In der Praxis reicht das. Dabei ist unerheblich, ob diese Merkmale definitorisch oder empirisch sind.

2. Definitionsverweigerung

Die Schwierigkeit, eine Definition zu finden, wo man eine benötigen würde, kann zur Definitionsverweigerung führen.

Beispiel "Obszönität" im Rechtsbereich.

Obszöne Darstellungen waren verboten. Nun müsste man sagen können, wann eine Darstellung obszön ist und wann nicht. Daher bräuchte man eigentlich eine Definition oder zumindest eine Kriterienliste.

Potter Stewart, Richter am Obersten Gerichtshof der USA, "Ich kann nicht sagen, was Obszönität ist, aber ich erkenne sie, wenn ich sie sehe."

Unbefriedigend:

3. Zwei-Stufen Konzeption

Bestimmte abstrakte Begriffe können bestenfalls erst nach Angabe von Kontexten definiert (oder charakterisiert) werden.

Beispiel: "Verfeinerung"

Abstrakte Charakterweisungsversuche:

Angabe von Kontexten:

Zwei-Stufen-Konzeption macht plausibel, warum bestimmte abstrakte Begriffe nicht auf der abstrakten Ebene definierbar sind.

Ob diese Begriffe relativ zu bestimmten Kontexten tatsächlich definierbar werden, ist dann eine andere Fragen: Denn die in Abschnitt 1 diskutierten Probleme der Definierbarkeit können sich innerhalb der Kontexte wiederholen (siehe "Verfeinerung").

4. Familienähnlichkeiten

Beispiel Begriff "Spiel"

Wittgenstein: Es gibt keine durchgängigen Merkmale, die allen Spielen zukommen.

Betrachte: Kartenspiele, Brettspiele, Patiencen, Mannschaftsspiele, Festspiele, Olympische Spiele, Ball an die Wand werfen, etc.

Spiele weisen eine zu große Vielfalt auf: durchgehende gemeinsame und charakteristische Merkmale gibt es anscheinend nicht.

Ist der Begriff "Spiel" daher unklar, vage oder sogar unbestimmt? Nein!

Es gibt verschiedenste Gruppen von Spielen, deren Mitglieder untereinander verschiedenste Ähnlichkeiten aufweisen: z.B. Brettspiele, Kampfspiele, Mannschaftsspiele, Einzelspiele, Spiele mit Gewinnern und Verlierern, Spiele ohne Gewinner und Verlierer, etc.

Diese Ähnlichkeiten sind wie die Ähnlichkeiten der Mitglieder einer (großen) Familie: manche haben ähnliche Augen, manche ähnliche Nasen, manche einen ähnlichen Mund, manche eine ähnliche Stirn, manche eine ähnliche Statur etc.

Es gibt dagegen kein durchgängiges Merkmal, das alle Familienmitglieder besitzen.

Daher die Sprechweise von "Familienähnlichkeit".

Metapher: Zusammenhalt eines Fadens. Einzelne Fasern (Analogie zu Merkmalen) überlappen sich und geben dem Faden halt. Aber keine der Fasern geht vom Anfang bis zum Ende des Fadens durch.

Problem: Führen Familienähnlichkeiten zu einigermaßen abgegrenzten Begriffen?

These: Möglicherweise nicht.

Beispiel: Abgrenzung von kriegerischen Handlungen gegen Spiele.

Kriegerische Handlungen weisen eine Reihe von Ähnlichkeiten mit einer bestimmten Untergruppe von Spielen auf: den "physischen Kampfspielen"

Kriegerische Handlungen sind also mit der Gesamtheit der Spiele durch Familienähnlichkeiten verbunden, wie Großnasige anderer Familien mit den Großnasigen dieser Familie.

5. Paradigmentheorie

Die Paradigmentheorie Thomas Kuhns (1922-1996) ist eine Ergänzung der Familienähnlichkeiten-Theorie

Zu den Ähnlichkeiten zwischen den Exemplaren eines Begriffs treten die Unähnlichkeiten mit den Exemplaren benachbarter Begriffe hinzu.

Einfacher Trick. Um zu entscheiden, ob ein Objekt durch einen Begriff bezeichnet wird, braucht es nicht nur die Ähnlichkeiten gegenüber den anderen Exemplaren des Begriffs, sondern es braucht auch die Unähnlichkeiten zu den sog. Kontrastklassen.

Die zu einer Begriffsextension [Begriffsumfang] gehörigen Elemente gewinnen diese Zugehörigkeit durch ihre untereinander bestehenden Ähnlichkeiten und die zu den Elementen von Nachbarbegriffen bestehenden Unähnlichkeiten.

Entsprechend werden Begriffe nicht isoliert, sondern in Gruppen gelernt, z.B. Ente, Gans und Schwan:

Die Lehrerin weist auf Enten, Gänse und Schwäne hin und nennt die Namen, bis der Schüler dies reproduzieren kann.

Dabei kann von Merkmalen der Objekte explizit Gebrach gemacht werden ["schau doch mal die Länge des Halses an"], ohne dass diese Merkmale definitorischen Charakter erhielten.

Alle Sprecher einer Sprache müssen den gleichen Satz von Ähnlichkeits- und Unähnlichkeitsrelationen verwenden, ohne jedoch die gleichen Merkmale der Objekte zur Identifikation der Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten benutzen zu müssen.

Alle müssen in gleicher Weise die Enten untereinander für ähnlich erkennen und die Enten als verschieden von den Gänsen. Aber sie können auf verschiedene Merkmale gehen. Einer schaut auf die unterschiedlichen Proportionen Halslänge zu Körper. Ein anderer schaut nur auf den Gang. Alles legitim. Aber die Ähnlichkeits- und Unähnlichkeitsrelationen müssen "richtig" getroffen werden. Sprecher gleicher Sprache dürfen also unterschiedlich "ticken".

6. Prototypentheorie

Empirische Theorie über Begriffe. Entwickelt vor allem von der Psychologin Eleanor Rosch seit den 1970er Jahren.

Empirischer Befund:

Unterschiedliche Beispielsfälle für einen Begriff repräsentieren den Begriff unterschiedlich gut: das ergibt eine Extensionsabstufung ("graded structure").

Beispiel: Der Begriff Tier - Hund, Katze oder Kuh repräsentieren in unserem Kulturkreis den Begriff Tier besser als Motto oder Forelle.

Die Motte ist natürlich auch ein Tier, aber es ist ein nicht so nahe liegendes Beispiel für Tier wie der Hund.

Die graded structure gilt für die meisten Begriffe. Es gibt individuelle und massive kulturelle Unterschiede.

Die graded structure gilt sogar in der Mathematik.
Kinder die von Hunden und Katzen umgeben sind, sprechen eher davon. Leben sie in einer Welt von Dinos, nehmen sie solche Beispiele.

Prototypen sind besonders gut passende Beispielsfälle eines Begriffs.

Prototypentheorie: die Extensionsabstufung entsteht durch die mehr oder weniger große Ähnlichkeit von Beispielsfällen mit Prototypen.

Die Prototypentheorie lässt sich sehr gut als eine empirische Bestätigung und Ergänzung der Paradigmentheorie verstehen.


12. und letzte Vorlesung

Wissenschaftsphilosophie

Erste Umschreibung: Philosophische Beschäftigung mit den Wissenschaften, insbesondere ihrer Erkenntnis.

Es gibt auch einzelwissenschaftliche, empirische Beschäftigungen mit den Wissenschaften, von denen man die Wissenschaftsphilosophie abgrenzen muss:

Beachte den Unterschied von Wissenschaftsphilosophie und philosophy of science aufgrund des Unterschieds zwischen Wissenschaft und science.

Wissenschaft umfasst Natur-, Ingenieur-, Formal-, Sozial- und Geisteswissenschaften
Formalwissenschaften: Mathematik

Science dagegen umfasst nur die Natur-, Ingenieur- und Formalwissenschaften, evtl. Sozialwissenschaften (social sciences), nicht aber die Geisteswissenschaften (humanities).

Der Abstand zwischen science und humanities erscheint größer als der Abstand zwischen Natur- und Geisteswissenschaften.

(Klischee: "Science teaches facts, huminities teach values.")

Demnach gibt es kein englisches Äquivalent für "Wissenschaft".

"Fields of research" ist nicht klar genug, weil "research" nicht nur "Forschung" bedeutet, sonder einfach auch "Herausfinden" meint.

Die deutsche Frage z.B. nach der Einheit der Wissenschaft stellt sich im Englischen nicht unmittelbar, nur die nach der unity of science.
Was etwa verbindet die Geowissenschaften, die Physik, die Chemie, Biowissenschaften, Mineralogie etc?

Was ist Wissenschaftsphilosophie?

Historisches zur (theoretischen) Wissenschaftsphilosophie

Etablierung als akademische Disziplin: 1920er Jahre. Davor war die Wissenschaftsphilosophie das Tätigkeitsfeld einzelner Philosophen und Wissenschaftler.

Herausragende Figuren dieser Zeit vor 1920:

Etablierung der Wissenschaftsphilosophie durch den Wiener Kreis (1920er und 1930er Jahre; 1938 aufgelöst und dann per Emigration vor allem nach England und USA verbreitet).

Genannt: "logischer Positivismus" und/oder "logischer Empirismus".

Charakteristika dieser Wissenschaftsphilosophie (Blüte 1920er bis 1960er Jahre):

Wichtige Personen:

Umschwung in der Wissenschaftsphilosophie in den 1960er Jahren: ein vielschichtiger Prozess

Zentrale Figuren des Umschwungs:

Ein wichtiges Ergebnis: Die Auffassung, die Wissenschaften werden durch eine (universelle) "wissenschaftliche Methode" angeleitet, ist nicht haltbar.

Das war das dominante Verständnis der neuzeitlichen Naturwissenschaften. Besonders bei Descartes: Discours de la méthode pour bien conduire sa raison, et chercher la verité dans les sciences, 1637.

Methode zur Anleitung der Vernunft, um u.a. wissenschaftliche Erkenntnisse zu erlangen. Hierdurch war geprägt: das Selbstverständnis der Naturwissenschaftler (obwohl sie in der Praxis ganz anders vorgehen) sowie das, was die Philosophen über wissenschaftliche Erkenntnis erzählt haben.

Teilgebiete der Wissenschaftsphilosophie mit exemplarischen Fragestellungen

Spezielle Wissenschaftsphilosophien